Der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen befindet sich in einer entscheidenden Phase der Transformation, geprägt von erheblichen finanziellen Belastungen und gleichzeitig massiven Investitionen in die Zukunft der Mobilität. Die Branche durchläuft einen tiefgreifenden Wandel hin zur Elektromobilität und zum autonomen Fahren, der immense Kapitalbindung erfordert und die Wettbewerbslandschaft neu gestaltet. ZF navigiert diesen komplexen Übergang mit einer klar definierten Strategie, die auf Innovation, Effizienz und eine Stärkung der Wettbewerbsposition abzielt.
Die Finanzlage und die drückende Schuldenlast
Die Finanzsituation von ZF ist angespannt. Das Unternehmen spürt die Auswirkungen ausbleibender Aufträge und steigender Kosten, insbesondere im Zuge des Übergangs zur Elektromobilität, der hohe Investitionen bei gleichzeitig niedrigen Margen erfordert. Ein wesentlicher Belastungsfaktor ist die hohe Schuldenlast von über zehn Milliarden Euro, deren jährliche Zinslast sich auf eine halbe Milliarde Euro beläuft. Der aktuelle Zinsanstieg verstärkt diese finanzielle Belastung zusätzlich.
Trotz eines Verlusts von 195 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2025 konnte ZF seine Ziele für 2023 erreichen, darunter eine bereinigte EBIT-Rendite von 4,7 bis 5,2 Prozent und einen Cashflow von einer bis 1,5 Milliarden Euro. Im Jahr 2023 erzielte ZF einen Umsatz von 46,6 Milliarden Euro und eine EBIT-Marge von 5,1 Prozent. Das Unternehmen strebt an, die Verschuldung weiter abzubauen und die operative Leistungsfähigkeit zu verbessern, um strukturelle Profitabilität und Cashflow zu erhöhen und so zukünftige Investitionen abzusichern. Die Eigenkapitalquote von ZF liegt bei 17 Prozent, was im Vergleich zu anderen Akteuren wie Bosch (44 Prozent) eine geringere finanzielle Robustheit signalisiert.
Massiver Investitionskurs in Elektromobilität und Autonomes Fahren
ZF setzt konsequent auf die Zukunftstechnologien Elektromobilität und autonomes Fahren. Bereits 2018 kündigte ZF an, über fünf Jahre mehr als 12 Milliarden Euro in diese Zukunftsfelder zu investieren. Bis 2026 sollen weitere 18 Milliarden Euro investiert werden, um nachhaltiges Wachstum zu sichern. ZF bietet heute ein breites Portfolio für elektrische Fahrzeugantriebe an, vom E‑Motor bis zur Software.
Besonders im Nutzfahrzeugsegment wird erwartet, dass sich autonomes Fahren schneller durchsetzen wird, da es die Betriebskosten senkt und die Sicherheit sowie Effizienz steigert. ZF bündelt hierfür Technologien unter dem Motto „Smart Logistics“, um Automatisierung, Vernetzung und Elektrifizierung voranzutreiben. Die eigene E‑Division, die elektrische, hybride Antriebe und Verbrennungsmotoren umfasst, trug 2024 mit 11,5 Milliarden Euro Umsatz und über 32.000 Mitarbeitern maßgeblich zum Geschäft bei. Trotz des klaren Engagements gibt es Bedenken hinsichtlich Überkapazitäten im Bereich Elektromobilität.
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und strategische Neuausrichtung
Die Automobilindustrie insgesamt kämpft mit einer Krise, die viele Zulieferer betrifft. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und gestärkt aus der Transformation hervorzugehen, hat ZF umfassende Maßnahmen eingeleitet. Ein zentraler Pfeiler ist der angekündigte Stellenabbau von bis zu 14.000 Positionen bis 2028, hauptsächlich an deutschen Standorten. Dieser Schritt wird als notwendig erachtet, um Kosteneffizienz zu steigern und Mittel für Forschung und Entwicklung sowie Investitionen in zukunftsweisende Technologien zu sichern. Betriebsbedingte Kündigungen sollen dabei jedoch vermieden werden.
ZF prüft auch strategische Partnerschaften und potenzielle Teilverkäufe von Geschäftsbereichen, wie beispielsweise der Airbag-Sparte oder der E‑Division. Ein vollständiger Verkauf der Antriebssparte steht laut ZF derzeit jedoch nicht zur Debatte.
Der jüngste Führungswechsel, bei dem Mathias Miedreich das Ruder von Holger Klein als Vorstandsvorsitzender übernommen hat, signalisiert eine strategische Neuausrichtung. Die Arbeitnehmervertretung fordert dabei einen deutlichen Strategiewechsel, der die Zukunftsfähigkeit von ZF langfristig sichert und die Belange der Beschäftigten sowie zukunftsweisende Technologien stärker in den Mittelpunkt rückt.
Innovation durch By-Wire-Produkte und Software-Kompetenz
ZF treibt die Entwicklung von By-Wire-Produkten und intelligenten Softwarelösungen maßgeblich voran. Ein Beispiel hierfür ist die herstellerunabhängige Vehicle-Motion-Control-Plattform cubiX, die alle Komponenten der Längs‑, Quer- und Vertikaldynamik eines Fahrzeugs in einer gemeinsamen Steuerung zusammenführt. cubiX bietet Lösungen von fahrdynamikorientierten Anwendungen (cubiX Performance Drive) über fortschrittliche Assistenzfunktionen (cubiX ADAS) bis hin zum autonomen Fahren ab SAE Level 4. Diese Plattform ermöglicht eine ganzheitliche Fahrwerkssteuerung und minimiert Schnittstellen, wodurch die Komplexität der Systemintegration für Fahrzeughersteller deutlich reduziert wird.
Ein weiteres innovatives Software-Programm ist das Synergieprogramm für Bremsen und E‑Antrieb für Nutzfahrzeuge. Dieses System optimiert die Interaktion zwischen elektrischem Antrieb und EBS-Bremsmanagementfunktionen, um die Energierückgewinnung (Rekuperation) zu maximieren und somit die Reichweite von Elektrofahrzeugen zu erhöhen oder kleinere Batterien zu ermöglichen. Der E‑Antrieb dient dabei als Aktuator für das Bremssystem und umgekehrt, was Effizienz, Sicherheit und Komfort verbessert. ZF entwickelt zudem eine Middleware, die als Verbindungsglied zwischen Software-Applikationen und Hardware-Komponenten fungiert, um Entwicklungsprozesse zu beschleunigen und die Komplexität im automatisierten und vernetzten Fahren zu reduzieren. Diese Middleware soll 2024 in Serie gehen.
Die WABCO Übernahme als strategischer Meilenstein
Die Akquisition des Nutzfahrzeugzulieferers WABCO im Mai 2020 für rund 7 Milliarden US-Dollar war ein strategisch wichtiger Schritt für ZF. Durch diese Übernahme erweiterte ZF seine Kompetenzen erstmals auf die Bremstechnik für Nutzfahrzeuge, eine Schlüsselkomponente für automatisierte Fahrfunktionen, insbesondere bei Lkw und Anhängern. Die Integration von WABCO hat ZF zu einem führenden integrierten Systemanbieter für Nutzfahrzeugtechnik gemacht und soll das Unternehmen unabhängiger von den Konjunkturzyklen der Pkw-Industrie machen. ZF erwartete, dass die Finanzverschuldung nach Abschluss der Transaktion aufgrund der Cashflow-Profile beider Unternehmen rasch reduziert werden kann.
Auswirkungen des Zinsanstiegs und das ZF Performance-Programm
Der aktuelle Zinsanstieg stellt eine erhebliche zusätzliche Belastung für ZF dar. Mit einer jährlichen Zinslast von rund einer halben Milliarde Euro auf die umfangreichen Schulden des Konzerns, ist der Schuldenabbau zu einer dringenden Priorität geworden. Diese Entwicklung beeinflusst die Rendite und erfordert entschlossene Maßnahmen zur Steigerung der Kosteneffizienz.
Als Reaktion auf diese Herausforderungen hat ZF ein umfassendes Performance-Programm aufgesetzt, auch wenn es nicht explizit unter diesem Namen kommuniziert wird. Dieses Programm beinhaltet:
- Massiven Stellenabbau und Standortoptimierungen: Bis zu 14.000 Stellen in Deutschland sollen bis 2028 gestrichen werden, begleitet von Werksschließungen und der Reduzierung von Arbeitszeiten.
- Fokus auf Investitionen in Zukunftsfelder: Trotz der finanziellen Engpässe hält ZF an hohen Investitionen in Elektromobilität und autonomes Fahren fest, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
- Schuldenreduzierung: Der Abbau der Finanzschulden ist ein zentrales Ziel, um die Zinslast zu mindern und die finanzielle Widerstandsfähigkeit zu erhöhen.
- Verbesserung der operativen Effizienz: Durch die Steigerung der strukturellen Profitabilität und des Cashflows soll die operative Leistungsfähigkeit verbessert werden.
- Strategische Flexibilität: Die Prüfung von Teilverkäufen und Partnerschaften soll die notwendigen Mittel für zukünftige Entwicklungen freisetzen und gleichzeitig die Wettbewerbsposition stärken.
- Software-basierte Innovationen: Die Entwicklung und Implementierung intelligenter Software-Lösungen wie cubiX und das Bremsen-E-Antrieb-Synergieprogramm zielen darauf ab, die Leistung, Effizienz und Sicherheit der Produkte zu steigern und neue Geschäftsmodelle zu erschließen.
Fazit
ZF Friedrichshafen befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess, der von einer hohen Schuldenlast und den Auswirkungen steigender Zinsen geprägt ist. Gleichzeitig investiert das Unternehmen massiv in die zukunftsweisenden Felder Elektromobilität und autonomes Fahren, um seine Position als führender Automobilzulieferer zu behaupten und auszubauen. Die strategische Neuausrichtung unter neuer Führung, ein umfassendes Performance-Programm mit Stellenabbau und Effizienzsteigerungen, sowie die Fokussierung auf innovative Software- und By-Wire-Technologien sind entscheidende Schritte auf diesem Weg. Die erfolgreiche Integration der WABCO-Akquisition unterstreicht ZFs Bestreben, ein ganzheitlicher Systemanbieter für die Mobilität von morgen zu sein. Der Erfolg von ZF wird maßgeblich davon abhängen, wie effektiv es gelingt, die finanzielle Belastung zu managen und die strategischen Investitionen in die Zukunft gewinnbringend umzusetzen.
Weiterführende Quellen
ZF Friedrichshafen: Herausforderungen und Chancen in der Automobilindustrie – it boltwise
https://www.it-boltwise.de/zf-friedrichshafen-herausforderungen-und-chancen-in-der-automobilindustrie.html
Diese Quelle bietet einen umfassenden Überblick über die Herausforderungen von ZF, einschließlich Gewinneinbruch, Stellenabbau und hoher Schulden, sowie die Notwendigkeit hoher Investitionen in Elektromobilität.
ZF denkt Elektromobilität im Baukastenprinzip neu – Automobil Produktion
https://www.automobil-produktion.de/technologie/zf-denkt-elektromobilitaet-im-baukastenprinzip-neu-622.html
Diese Quelle beschreibt ZF’s innovative Strategie im Bereich Elektromobilität, insbesondere die modulare „Select“-Plattform, die Investitionen und die Herausforderungen der Transformation.
By-Wire-Technologie – ZF
https://www.zf.com/mobile/de/technologies/by_wire/by_wire.html
Der Artikel liefert detaillierte Informationen über ZF’s By-Wire-Technologien (Steer-by-Wire, Brake-by-Wire), ihre Vorteile und ihre Rolle als Wegbereiter für automatisiertes und autonomes Fahren.





