Bahn-Sicherheitsgipfel nach Tod von Zugbegleiter: Evelyn Palla plant neue Maßnahmen für mehr Sicherheit in Zügen

Bahn-Sicherheitsgipfel nach Tod von Zugbegleiter: Evelyn Palla plant neue Maßnahmen für mehr Sicherheit in Zügen

Der gewalt­sa­me Tod eines 36-jäh­ri­gen Zug­be­glei­ters in Rhein­land-Pfalz hat die Deut­sche Bahn und die gesam­te Bran­che tief erschüt­tert. Ange­sichts stei­gen­der Aggres­sio­nen gegen­über dem Bord­per­so­nal sieht sich der Kon­zern gezwun­gen, bestehen­de Sicher­heits­kon­zep­te grund­le­gend zu revi­die­ren. Vor­stands­mit­glied Eve­lyn Pal­la hat daher kurz­fris­tig zu einem Sicher­heits­gip­fel in Ber­lin gela­den, um gemein­sam mit Ver­tre­tern aus Poli­tik, Gewerk­schaf­ten und Sicher­heits­be­hör­den wirk­sa­me Schutz­maß­nah­men zu beschlie­ßen. Im Fokus ste­hen dabei nicht nur tech­no­lo­gi­sche Auf­rüs­tun­gen wie die flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung von Body­cams, son­dern auch die Erhö­hung der per­so­nel­len Prä­senz in den Zügen. Doch wäh­rend der Druck auf die Ver­ant­wort­li­chen wächst, stellt sich die zen­tra­le Fra­ge: Sind die geplan­ten Maß­nah­men aus­rei­chend, um das Per­so­nal nach­hal­tig vor Gewalt zu schüt­zen, oder schei­tert die Umset­zung letzt­lich an finan­zi­el­len Hür­den und orga­ni­sa­to­ri­schen Defi­zi­ten? Die­ser Arti­kel ana­ly­siert die Kern­punk­te des Gip­fels und die For­de­run­gen der Arbeit­neh­mer­ver­tre­ter.

Hintergründe: Tragischer Vorfall in Rheinland-Pfalz und der Ruf nach Konsequenzen

Der kon­kre­te Anlass für die Ein­be­ru­fung des Kri­sen­tref­fens ist ein Gewalt­ver­bre­chen in einem Regio­nal­zug bei Sta­de­cken-Els­heim, bei dem ein Mit­ar­bei­ter der Bahn töd­lich ver­letzt wur­de. Die­ser Vor­fall mar­kiert einen trau­ri­gen Höhe­punkt in einer Ent­wick­lung, die bereits seit Jah­ren durch eine zuneh­men­de Gewalt­be­reit­schaft gegen Bahn­per­so­nal gekenn­zeich­net ist. Laut aktu­el­len Sta­tis­ti­ken der Deut­schen Bahn und der Bun­des­po­li­zei ist die Zahl der Über­grif­fe auf Mit­ar­bei­ten­de im lau­fen­den Jahr erneut gestie­gen. Beson­ders bei der Fahr­kar­ten­kon­trol­le und der Durch­set­zung des Haus­rechts eska­lie­ren Situa­tio­nen regel­mä­ßig.

Aus Sicht des Arbeits­schut­zes besteht hier drin­gen­der Hand­lungs­be­darf. Gemäß § 5 Arbeits­schutz­ge­setz (ArbSchG) ist der Arbeit­ge­ber ver­pflich­tet, die Gefähr­dungs­la­ge am Arbeits­platz objek­tiv zu beur­tei­len und geeig­ne­te Schutz­maß­nah­men zu tref­fen. Die aktu­el­le Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung für Zug­be­glei­ter im Regio­nal­ver­kehr muss auf­grund der ver­än­der­ten sozia­len Dyna­mik und der Schwe­re der Vor­fäl­le hin­ter­fragt wer­den. Die phy­si­sche und psy­chi­sche Unver­sehrt­heit des Per­so­nals ist ein Kern­be­stand­teil der Arbeits­si­cher­heit, die im Schie­nen­ver­kehr der­zeit mas­siv bedroht scheint. Die Prä­ven­ti­on darf sich daher nicht mehr nur auf Dees­ka­la­ti­ons­trai­nings beschrän­ken, son­dern muss auch den struk­tu­rel­len Schutz des Per­so­nals in den Fokus rücken.

Der Sicherheitsgipfel in Berlin: Akteure und Zielsetzungen der Initiative

Um die­ser Kri­se zu begeg­nen, initi­ier­te DB-Regio-Vor­stän­din Eve­lyn Pal­la einen Sicher­heits­gip­fel in Ber­lin, an dem hoch­ran­gi­ge Ent­schei­dungs­trä­ger teil­neh­men. Neben der Kon­zern­spit­ze der Deut­schen Bahn sind Ver­tre­ter des Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums, der Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­en sowie die Spit­zen der Gewerk­schaf­ten (EVG und GDL) ver­tre­ten. Das Ziel die­ser Zusam­men­kunft am Frei­tag ist die Erar­bei­tung eines koor­di­nier­ten Maß­nah­men­pa­kets, das kurz­fris­tig die Sicher­heit in Zügen und an Bahn­hö­fen erhöht.

Die Kom­ple­xi­tät der Auf­ga­ben­stel­lung ergibt sich aus der föde­ra­len Struk­tur des Regio­nal­ver­kehrs. Da die Län­der als Auf­ga­ben­trä­ger die Leis­tun­gen bestel­len, müs­sen sie auch die finan­zi­el­len Rah­men­be­din­gun­gen für zusätz­li­che Sicher­heits­dienst­leis­tun­gen schaf­fen. Der Gip­fel dient daher als Platt­form, um eine natio­na­le Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln, die über blo­ße Absichts­er­klä­run­gen hin­aus­geht. Wie die Tages­schau berich­tet, for­dern die Betei­lig­ten eine stär­ke­re Ver­zah­nung von Bun­des­po­li­zei und pri­va­ten Sicher­heits­diens­ten sowie eine ver­bind­li­che Finan­zie­rungs­zu­sa­ge für tech­ni­sche Schutz­mit­tel. Es geht dar­um, eine geschlos­se­ne Front gegen Gewalt zu zei­gen und die recht­li­chen sowie orga­ni­sa­to­ri­schen Hür­den für eine schnel­le­re Umset­zung von Schutz­maß­nah­men abzu­bau­en. Die Ver­kehrs­mi­nis­ter ste­hen hier­bei beson­ders in der Pflicht, die not­wen­di­gen Mit­tel in den Ver­kehrs­ver­trä­gen bereit­zu­stel­len.

Geplante Maßnahmen: Bodycam-Pflicht, KI und personelle Verstärkung

Um das Sicher­heits­ni­veau in Zügen des Regio­nal­ver­kehrs kurz­fris­tig anzu­he­ben, setzt die Deut­sche Bahn auf eine Kom­bi­na­ti­on aus tech­ni­scher Über­wa­chung und per­so­nel­ler Prä­senz. Ein zen­tra­les Ele­ment der Dis­kus­si­on auf dem Sicher­heits­gip­fel ist die flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung einer Body­cam-Pflicht für Zug­be­glei­ter. Die­se Kame­ras, die sicht­bar an der Uni­form getra­gen wer­den, sol­len in poten­zi­ell eska­lie­ren­den Situa­tio­nen abschre­ckend wir­ken und im Ernst­fall gerichts­ver­wert­ba­res Beweis­ma­te­ri­al lie­fern. Bis­he­ri­ge Pilot­pro­jek­te zei­gen, dass die blo­ße Prä­senz der ein­ge­schal­te­ten Gerä­te die Hemm­schwel­le für phy­si­sche Über­grif­fe sen­ken kann.

Par­al­lel dazu plant der Kon­zern den ver­stärk­ten Ein­satz von künst­li­cher Intel­li­genz (KI). KI-gestütz­te Video­über­wa­chungs­sys­te­me an Bahn­hö­fen und in Zügen sol­len künf­tig aty­pi­sche Ver­hal­tens­mus­ter oder Men­schen­an­samm­lun­gen in Echt­zeit erken­nen und das Sicher­heits­per­so­nal auto­ma­ti­siert alar­mie­ren. Die­se Tech­no­lo­gie dient der prä­ven­ti­ven Gefah­ren­ab­wehr, indem sie ein frü­hes Ein­grei­fen ermög­licht, bevor Situa­tio­nen gewalt­sam eska­lie­ren.

Trotz der tech­no­lo­gi­schen Ambi­tio­nen bleibt die For­de­rung nach mehr „Mensch vor Ort“ bestehen. Geplant ist eine Auf­sto­ckung der Sicher­heits­kräf­te in den Abend­stun­den sowie auf beson­ders belas­te­ten Pend­ler­stre­cken. Die Her­aus­for­de­rung hier­bei ist jedoch zwei­ge­teilt: Zum einen ver­schärft der all­ge­mei­ne Fach­kräf­te­man­gel die Rekru­tie­rung von qua­li­fi­zier­tem Sicher­heits­per­so­nal. Zum ande­ren müs­sen die tech­no­lo­gi­schen Neue­run­gen im Ein­klang mit der Daten­schutz-Grund­ver­ord­nung (DSGVO) ste­hen, was ins­be­son­de­re bei der flä­chen­de­cken­den Video­über­wa­chung und Gesichts­er­ken­nung hohe recht­li­che Hür­den auf­wirft.

Die Rolle der Mitbestimmung: Kritik des Gesamtbetriebsrats an Finanzierung und Umsetzung

Die geplan­ten Sicher­heits­maß­nah­men sto­ßen bei den Arbeit­neh­mer­ver­tre­tern auf ein geteil­tes Echo. Wäh­rend die tech­ni­sche Auf­rüs­tung grund­sätz­lich begrüßt wird, arti­ku­liert der Gesamt­be­triebs­rat (GBR) deut­li­che Kri­tik an der bis­he­ri­gen Prio­ri­tä­ten­set­zung. Im Kern steht der Vor­wurf einer ver­fehl­ten Spar­po­li­tik: Unter dem Schlag­wort „Geiz ist geil“ kri­ti­siert der GBR, dass vie­le Ver­kehrs­ver­bün­de bei der Aus­schrei­bung von Regio­nal­ver­kehrs­leis­tun­gen die Kos­ten für Sicher­heits­per­so­nal sys­te­ma­tisch zu nied­rig anset­zen wür­den. Sicher­heit dür­fe nicht zum Ver­hand­lungs­ge­gen­stand in Wett­be­werbs­ver­fah­ren wer­den.

Aus Sicht der Mit­be­stim­mung ergibt sich zudem eine recht­li­che Dimen­si­on nach dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz (BetrVG). Die Ein­füh­rung von Body­cams und KI-Über­wa­chungs­sys­te­men berührt unmit­tel­bar die Rech­te des Betriebs­rats gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG, da es sich um tech­ni­sche Ein­rich­tun­gen han­delt, die dazu bestimmt sind, das Ver­hal­ten oder die Leis­tung der Arbeit­neh­mer zu über­wa­chen. Der GBR for­dert hier kla­re Rah­men­be­din­gun­gen, die den Schutz der Beschäf­tig­ten vor Über­grif­fen garan­tie­ren, ohne sie einer lücken­lo­sen Leis­tungs­kon­trol­le durch den Arbeit­ge­ber aus­zu­set­zen.

Dar­über hin­aus mah­nen die Arbeit­neh­mer­ver­tre­ter an, dass Tech­nik allein kein Ersatz für eine aus­rei­chen­de Per­so­nal­de­cke ist. Die gefor­der­te Dop­pel­be­set­zung von Zügen auf gefähr­de­ten Lini­en ist ein Kern­punkt, des­sen Umset­zung oft an der Wei­ge­rung der Auf­ga­ben­trä­ger schei­tert, die ent­spre­chen­den Mehr­kos­ten in den Ver­kehrs­ver­trä­gen zu über­neh­men. Hier sieht der GBR die Poli­tik in der Pflicht, eine aus­kömm­li­che Finan­zie­rung des Arbeits­schut­zes sicher­zu­stel­len, damit die Für­sor­ge­pflicht des Arbeit­ge­bers nicht an Bud­get­gren­zen endet.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Pflichten des Arbeitgebers

Die aktu­el­le Eska­la­ti­on der Gewalt im Schie­nen­ver­kehr rückt die gesetz­li­che Für­sor­ge­pflicht der Deut­schen Bahn sowie der pri­va­ten Eisen­bahn­ver­kehrs­un­ter­neh­men (EVU) ver­stärkt in den juris­ti­schen Fokus. Zen­tra­les Ele­ment ist hier­bei das Arbeits­schutz­ge­setz (ArbSchG). Nach § 3 ArbSchG ist der Arbeit­ge­ber ver­pflich­tet, die erfor­der­li­chen Maß­nah­men des Arbeits­schut­zes unter Berück­sich­ti­gung der Umstän­de zu tref­fen, die Sicher­heit und Gesund­heit der Beschäf­tig­ten bei der Arbeit beein­flus­sen.

Der tra­gi­sche Vor­fall in Rhein­land-Pfalz ver­deut­licht, dass die bis­he­ri­gen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen gemäß § 5 ArbSchG für das Zug­be­gleit­per­so­nal einer drin­gen­den Revi­si­on bedür­fen. Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung darf kein sta­ti­sches Doku­ment sein; sie muss bei einer Ver­än­de­rung der objek­ti­ven Gefah­ren­la­ge – wie der nach­weis­lich gestie­ge­nen Gewalt­be­reit­schaft – ange­passt wer­den. Stellt sich her­aus, dass Dees­ka­la­ti­ons­trai­nings allein nicht mehr aus­rei­chen, um die phy­si­sche Unver­sehrt­heit zu gewähr­leis­ten, erwächst dar­aus eine kon­kre­te Hand­lungs­pflicht für den Arbeit­ge­ber.

Recht­lich gese­hen ist der Schutz vor Über­grif­fen Drit­ter ein kom­ple­xes Feld der Haf­tung. Wäh­rend der Arbeit­ge­ber nicht für das kri­mi­nel­le Han­deln schuld­un­fä­hi­ger oder unbe­kann­ter Drit­ter direkt haf­tet, kann eine Haf­tung aus der Ver­let­zung von Schutz­pflich­ten ent­ste­hen, wenn bekann­te Risi­ken igno­riert oder not­wen­di­ge tech­ni­sche und per­so­nel­le Siche­rungs­sys­te­me aus Kos­ten­grün­den unter­las­sen wur­den. Die Ein­füh­rung von Body­cams und ver­stärk­tem Sicher­heits­per­so­nal ist somit nicht als frei­wil­li­ge Sozi­al­leis­tung zu wer­ten, son­dern als not­wen­di­ge Kon­se­quenz aus der gesetz­li­chen Schutz­pflicht zur Abwen­dung vor­her­seh­ba­rer Gefah­ren.

Fazit: Ein notwendiger Wendepunkt für den Arbeitsschutz im Schienenverkehr

Der Sicher­heits­gip­fel unter der Lei­tung von Eve­lyn Pal­la mar­kiert einen psy­cho­lo­gisch wich­ti­gen Moment für die Beschäf­tig­ten der Deut­schen Bahn. Die ange­kün­dig­ten Maß­nah­men – von der Body­cam-Pflicht bis zur KI-gestütz­ten Über­wa­chung – signa­li­sie­ren eine Abkehr von der rein defen­si­ven Sicher­heits­po­li­tik der ver­gan­ge­nen Jah­re. Doch Tech­nik allein wird die struk­tu­rel­len Defi­zi­te nicht behe­ben kön­nen.

Die Ana­ly­se der aktu­el­len Lage macht deut­lich, dass die Sicher­heit im Regio­nal­ver­kehr ein mul­ti­po­la­res Pro­blem ist: Sie schei­tert oft an der Schnitt­stel­le zwi­schen Ver­kehrs­ver­trä­gen der Län­der und der betrieb­li­chen Rea­li­tät vor Ort. Solan­ge Sicher­heits­per­so­nal in Aus­schrei­bun­gen pri­mär als Kos­ten­fak­tor und nicht als essen­zi­el­ler Bestand­teil der Daseins­vor­sor­ge betrach­tet wird, bleibt die Gefahr von „Spar­lö­sun­gen“ bestehen.

Ein ech­ter Wen­de­punkt ist nur dann erreicht, wenn der Schutz der Mit­ar­bei­ter kon­se­quent über betriebs­wirt­schaft­li­che Opti­mie­rung gestellt wird. Dies erfor­dert eine aus­kömm­li­che Finan­zie­rung durch die öffent­li­che Hand und eine kon­struk­ti­ve Mit­be­stim­mung, die den Spa­gat zwi­schen Über­wa­chungs­schutz und Sicher­heits­be­dürf­nis meis­tert. Der Gip­fel war ein not­wen­di­ger ers­ter Schritt – die nach­hal­ti­ge Zäsur für den Arbeits­schutz bemisst sich nun an der Geschwin­dig­keit und Kon­se­quenz der prak­ti­schen Umset­zung auf der Schie­ne.

Weiterführende Quellen