Die Alarmglocken läuten erneut in der europäischen Luftfahrt: Ein weitreichender Cyberangriff auf einen zentralen IT-Dienstleister hat im September 2025 die Abfertigungssysteme zahlreicher europäischer Flughäfen massiv gestört. Passagiere sahen sich mit stundenlangen Wartezeiten und Flugausfällen konfrontiert, was die fragile Abhängigkeit der modernen Reiseindustrie von digitaler Infrastruktur einmal mehr brutal verdeutlichte. Diese jüngsten Vorfälle sind ein schmerzhafter Weckruf für eine Branche, die bereits unter ständig wachsenden Cyberrisiken leidet.
Der jüngste Cyberangriff auf Collins Aerospace und seine Folgen
Am 20. September 2025 wurde bekannt, dass ein Cyberangriff die Systeme von Collins Aerospace, einem US-Unternehmen, das europaweit Check-in- und Boarding-Systeme für Flughäfen bereitstellt, getroffen hat. Insbesondere die Muse-Software, die es mehreren Fluggesellschaften ermöglicht, dieselben Schalter und Gates gemeinsam zu nutzen, war betroffen. Die direkten Auswirkungen waren gravierend: Flughäfen wie der BER in Berlin, Brüssel und London Heathrow meldeten erhebliche Störungen und längere Wartezeiten beim Check-in und Boarding.
In Berlin musste der Flughafen BER die Verbindungen zu den kompromittierten Systemen kappen, was zur Folge hatte, dass Passagiere manuell abgefertigt werden mussten – teils mit Papierlisten und Bleistift. Auch in Brüssel war zeitweise nur ein manuelles Einchecken und Boarding möglich, was zu erheblichen Verzögerungen und Flugausfällen führte. Selbst wenn einige Flughäfen wie Frankfurt und Hamburg nicht direkt betroffen waren, zeigt die Verknüpfung der Systeme über einen zentralen Dienstleister, wie schnell sich eine Störung kaskadenartig ausbreiten kann. Die Firma Collins Aerospace bestätigte eine „cyberbedingte Störung“ und arbeitete intensiv an der Wiederherstellung der Systeme. Experten wie Paul Charles, Chef der PC Agency, äußerten sich kritisch und forderten eine grundlegende Überprüfung aller Zulieferer.
Schwachstellen in der Lieferkette und externen Dienstleistern
Der Vorfall mit Collins Aerospace unterstreicht eine zentrale Schwachstelle in der IT-Sicherheit der Luftfahrtindustrie: die Lieferkette. Moderne Flughäfen sind hochvernetzte digitale Ökosysteme, die stark von externen Dienstleistern abhängig sind. Angriffe auf diese Zulieferer können weitreichende Konsequenzen haben, selbst wenn die Flughäfen selbst nicht das direkte Ziel sind.
Ein weiteres Beispiel für die weitreichenden Auswirkungen von Störungen bei Drittanbietern war der IT-Ausfall im Juli 2024, der durch ein fehlerhaftes Update der IT-Sicherheitssoftware Crowdstrike verursacht wurde. Obwohl es sich hierbei nicht um einen Cyberangriff handelte, legte dieser Vorfall weltweit Fluggesellschaften und Flughäfen lahm, führte zu Tausenden von Flugstreichungen und zwang zum teilweisen Einstellen des Betriebs und zur manuellen Abfertigung. Dies zeigt, dass nicht nur böswillige Angriffe, sondern auch technische Fehlfunktionen bei kritischen Software-Zulieferern ein enormes Risiko darstellen. Studien haben ergeben, dass Webanwendungen und Internetdienste, die von externen Dienstleistern gehostet werden, oft die meisten Schwachstellen aufweisen.
Die wachsende Bedrohungslandschaft für Flughäfen
Die Luftfahrtbranche ist ein attraktives Ziel für Cyberkriminelle, Hacktivisten und sogar staatlich unterstützte Akteure. Die Motivationen reichen von finanziellen Gewinnen über politische Destabilisierung bis hin zur Suche nach Anerkennung. Ransomware-Angriffe, die Systeme verschlüsseln und kritische Prozesse lahmlegen können, sind besonders gefährlich.
Moderne Flugzeuge, Flughäfen und Flugsicherungen sind stark digitalisiert und von komplexen IT-Systemen abhängig, was eine enorme Angriffsfläche schafft. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) betont die zentrale Bedeutung der Cybersicherheit angesichts der zunehmenden Digitalisierung. Von Flugzeugtechnik über Passagierdaten bis hin zur Flughafeninfrastruktur müssen robuste Sicherheitsmaßnahmen und Notfallpläne implementiert werden. Auch die Deutsche Flugsicherung (DFS) war im September 2024 Ziel eines Cyberangriffs, der ihre administrative IT-Infrastruktur beeinträchtigte und staatlich unterstützten Gruppen zugeschrieben wurde. Diese Vorfälle verdeutlichen, dass digitale Risiken in der Luftfahrt immer stärker an Bedeutung gewinnen und konkrete Bedrohungen mit potenziell gravierenden Folgen sind.
Auswirkungen auf den Flugbetrieb und Passagiere
Die unmittelbaren Auswirkungen von Cyberangriffen und IT-Ausfällen auf Flughäfen sind für Passagiere und Fluggesellschaften gleichermaßen verheerend. Flugausfälle und massive Verspätungen sind die häufigste Folge. Die manuelle Abfertigung, auch wenn sie als Notlösung dient, verlangsamt die Prozesse erheblich und führt zu langen Schlangen und chaotischen Szenen an den Schaltern.
Dies führt nicht nur zu Frustration bei den Reisenden, sondern auch zu erheblichen wirtschaftlichen Schäden für Fluggesellschaften und Flughäfen. Der Ausfall von Check-in-Systemen, wie am Flughafen Hannover im Juli 2025, kann selbst ohne direkten Cyberangriff zu stundenlangen Verzögerungen für tausende Passagiere führen. Auch rechtlich sind die Auswirkungen relevant: Laut einem Urteil des BGH von 2019 gibt es bei Systemausfällen am Flughafen unter Umständen keine Fluggastansprüche, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen wurden.
Strategien zur Erhöhung der Resilienz
Angesichts der dynamischen Bedrohungslandschaft ist ein reaktives Vorgehen nicht mehr ausreichend. Cybersicherheit muss von Anfang an in alle Prozesse und Systeme integriert werden.
Ganzheitlicher Ansatz und Risikomanagement
Die Verteidigung gegen digitale Angriffe muss ganzheitlich gedacht werden und sämtliche Ebenen der Luftfahrtindustrie erfassen, vom einzelnen Flugzeug bis zur gesamten Infrastruktur am Boden. Dies erfordert einen systematischen Prozess der Risikoerkennung, ‑analyse und ‑behandlung für Cybersicherheitsrisiken, der auch Dienstleister und Drittanbieter einbezieht.
Technische und organisatorische Maßnahmen
- Redundante Systeme: IT-Infrastrukturen sollten redundant ausgelegt und unter Anwendung von Zero-Trust-Prinzipien in kleinere Segmente unterteilt werden, um die Folgen von Ausfällen zu begrenzen.
- Sichere Lieferketten: Die Überprüfung und Absicherung der IT-Lieferketten ist unerlässlich, da externe Anbieter signifikante Risiken für die Resilienz mit sich bringen.
- Updates und Patches: Obwohl Updates essenziell sind, sollten sie nicht blind angewendet, sondern in einer realistischen Testumgebung geprüft werden, um fehlerhafte oder korrumpierte Updates zu vermeiden.
- Mitarbeiterschulung: Menschliche Faktoren sind oft eine Schwachstelle. Regelmäßige Schulungen und Sensibilisierung stärken das Sicherheitsbewusstsein auf allen Ebenen.
Regulatorische Rahmenbedingungen und Zusammenarbeit
Die EU-Verordnung zur Informationssicherheit (Part-IS) und die Anpassungen an den Annex 17 des Abkommens zur internationalen Zivilluftfahrt setzen neue Standards für Cybersicherheitsmaßnahmen. Sie schreiben unter anderem den Schutz kritischer informations- und kommunikationstechnischer Systeme und Daten vor und fördern den Informationsaustausch zwischen Behörden, Fluggesellschaften und Flughäfen. Die EASA (European Union Aviation Safety Agency) investiert zudem in Forschungsprojekte, um Cybersicherheitsbedrohungen zu ermitteln und die Widerstandsfähigkeit des Luftverkehrs zu stärken.
Fazit
Die jüngsten Cyberangriffe auf europäische Flughäfen im Jahr 2025 haben eindrücklich gezeigt, dass die Luftfahrtindustrie vor einer „neuen Dimension der Verwundbarkeit“ steht. Die zunehmende Digitalisierung und die tiefe Vernetzung mit externen Dienstleistern schaffen eine komplexe Angriffsfläche, die kontinuierliche Aufmerksamkeit und Investitionen in die Cybersicherheit erfordert. Nur durch einen ganzheitlichen, proaktiven Ansatz, der technische Resilienz, organisatorische Maßnahmen und eine starke internationale Zusammenarbeit umfasst, kann die Reiseindustrie ihre kritischen Infrastrukturen effektiv schützen und das Vertrauen der Passagiere in eine sichere Reiseerfahrung langfristig gewährleisten. Es ist entscheidend, aus jedem Vorfall zu lernen und die Sicherheitsarchitektur ständig zu überprüfen und anzupassen, um für zukünftige Bedrohungen gewappnet zu sein.




