Schokolade, einst ein einfaches Genussmittel, steht heute im Zentrum komplexer globaler Herausforderungen. Von den Auswirkungen des Klimawandels auf die Kakaoproduktion bis hin zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit in den Lieferketten – die Industrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Konsumenten und Unternehmen suchen gleichermaßen nach Wegen, den süßen Genuss mit ökologischer Verantwortung und ethischen Standards in Einklang zu bringen.
Klimawandel und die bedrohte Kakaoproduktion
Der Klimawandel stellt eine existenzielle Bedrohung für den Kakaoanbau dar und gefährdet die Lebensgrundlage von Millionen von Kleinbauern, insbesondere in Westafrika, wo etwa 70 % des weltweiten Kakaos produziert werden. Steigende Temperaturen, unregelmäßige Niederschläge, Dürren und extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen führen zu Ernteausfällen und einer schlechteren Qualität der Kakaobohnen. Das Internationale Zentrum für Tropische Landwirtschaft (CIAT) prognostiziert, dass bis 2050 bis zu 90 Prozent der heutigen Anbauflächen in Ghana und der Elfenbeinküste deutlich weniger für den Kakaoanbau geeignet sein könnten.
Herausforderungen für Kakaobauern
Junge Kakaopflanzen sind besonders anfällig für erhöhte Wasservorkommen, und langanhaltende Trockenperioden verursachen Trockenstress, der die Pflanzen schwächt. Die unvorhersehbaren Wetterbedingungen erschweren langfristige Planungen für die Bauern, deren Pflanzen oft 20 bis 50 Jahre alt werden und erst nach drei bis fünf Jahren Erträge liefern. Viele Kleinbauern verfügen über begrenzte finanzielle Mittel, was die Anpassung an den Klimawandel zusätzlich erschwert.
Lösungsansätze für widerstandsfähigen Anbau
Um die Kakaoproduktion langfristig zu sichern, sind nachhaltige Anbaumethoden unerlässlich. Agroforstsysteme, bei denen Kakaopflanzen im Schatten anderer Bäume wie Bananen oder Edelhölzer wachsen, bieten zahlreiche Vorteile: Sie sind widerstandsfähiger gegen Klimaschwankungen, verbessern die Bodenqualität, reduzieren den Bedarf an Pestiziden und fördern die Biodiversität. Zudem können Bauern durch den Anbau verschiedener Produkte ihr Einkommen diversifizieren und sind nicht ausschließlich vom Kakao abhängig. Auch der ökologische Anbau zeigt sich als resilienter gegenüber Klimafolgen. Wassermanagement und das Pflanzen von Schattenbäumen sind weitere wichtige Maßnahmen.
Dynamik der Kakaopreise und die Bedeutung von Fairtrade
Die Kakaopreise sind in den letzten Monaten drastisch gestiegen. Berichten zufolge kletterten die Preise an der Börse von etwa 2.600 US-Dollar auf zwischenzeitlich bis zu 12.000 US-Dollar pro Tonne Kakao. Diese Preiserhöhungen sind eine direkte Folge von Missernten, die durch die Extremwetterereignisse in Westafrika verursacht wurden. Trotz dieser Anstiege blieb das Einkommen für viele Kakaobauern lange Zeit niedrig und schwankend, was oft nicht ausreichte, um die Existenz zu sichern.
Existenzsichernde Einkommen
Experten schätzen, dass ein existenzsichernder Kakaopreis in der Elfenbeinküste bei 3.166 US-Dollar pro Tonne liegen müsste – etwa 45 Prozent höher als der von Fairtrade kalkulierte Referenzpreis. Organisationen wie Fairtrade setzen sich für einen Mindestpreis und Prämien ein, um die Lebensbedingungen der Bauern zu verbessern. Allerdings leben auch viele Bauern, die Fairtrade- oder Rainforest-Alliance-zertifizierten Kakao anbauen, weiterhin unterhalb der Armutsgrenze, da die Prämien oft zu niedrig ausfallen. Einige Unternehmen wie Tony’s Chocolonely, GEPA und fairafric gehen einen Schritt weiter und zahlen deutlich höhere Preise und Prämien. Fairafric beispielsweise zahlt eine Bio-Prämie von 600 US-Dollar pro Tonne Kakao zusätzlich zum staatlich festgelegten Preis.
Aktuelle Entwicklungen und ethischer Konsum
Der Trend zu ethischem Konsum und nachhaltiger Schokolade ist unaufhaltsam. Verbraucher legen zunehmend Wert auf Transparenz, faire Arbeitsbedingungen und umweltfreundliche Produktion. Dies spiegelt sich in verschiedenen Entwicklungen der Schokoladenbranche wider.
Plant-for-the-Planet und Preisänderungen
Eine bekannte Initiative in diesem Bereich ist „Plant-for-the-Planet“ mit ihrer „Guten Schokolade“. Mit dem Kauf dieser Schokolade unterstützen Konsumenten direkt Baumpflanzaktionen; für jede fünfte verkaufte Tafel wird ein Baum gepflanzt. Angesichts der gestiegenen Rohkakaopreise hat Plant-for-the-Planet angekündigt, die Preise für „Die Gute Schokolade“ anzupassen, um die Finanzierung ihrer Klimaschutzprojekte weiterhin zu gewährleisten. Ab Oktober 2024 liegt die unverbindliche Preisempfehlung für die Vollmilch-Variante bei 1,89 € und für die Bio-Vollmilch- und Zartbitter-Variante bei 2,25 €.
Schokoladen-Trends
Neben der Nachhaltigkeit prägen weitere Trends den Schokoladenmarkt:
- Vegane Schokolade: Der Trend zu pflanzlicher Ernährung hat zu einer Explosion von veganen Schokoladenprodukten geführt, die nicht mehr nur auf Zartbitter beschränkt sind, sondern auch Milchschokoladenalternativen mit Hafer- oder Reismilch umfassen. Dies ist auch eine Reaktion auf das wachsende Bewusstsein für den ökologischen Fußabdruck von Lebensmitteln.
- „Mood Food“ und Gesundheitsaspekte: Schokoladen, die mit pflanzlichen Stoffen angereichert sind, um Entspannung oder besseren Schlaf zu fördern, oder Produkte ohne Zuckerzusatz, gewinnen an Bedeutung.
- Intensiver Genuss und innovative Füllungen: Konsumenten suchen nach reichhaltigen, einzigartigen und cremigen Schokoladenerlebnissen sowie nach innovativen Füllungen, die von Desserts bis hin zu exotischen Frucht- oder Gewürzkombinationen reichen.
Soziale Verantwortung von Unternehmen und Lieferketten
Die soziale Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility, CSR) ist ein zentrales Thema in der Schokoladenindustrie. Unternehmen erkennen zunehmend die Notwendigkeit, über den reinen Profit hinaus zu denken und ethische Grundsätze in ihre Geschäftspraktiken zu integrieren.
Transparenz und faire Praktiken
Viele Unternehmen, darunter auch die deutsche Süßwarenindustrie, bekennen sich zu einer nachhaltigen und rückverfolgbaren Kakaoproduktion. Sie engagieren sich in Initiativen wie dem „Forum Nachhaltiger Kakao“, um die Lebensbedingungen der Kakaobauern zu verbessern und den Anteil an zertifiziertem Kakao zu erhöhen. Wichtige Kriterien sind dabei die Einhaltung von Menschenrechten, faire Arbeitsbedingungen, die Bekämpfung von Kinderarbeit und die Vermeidung von Abholzung.
Herausforderungen in den Lieferketten
Trotz dieser Bemühungen bleibt die vollständige Rückverfolgbarkeit der Kakao-Lieferketten eine Herausforderung. Laut WWF können nur 11 Prozent der Schokoladenunternehmen genau zurückverfolgen, woher ihr Kakao stammt. Dies erschwert die Sicherstellung, dass entlang der gesamten Kette keine Menschenrechtsverletzungen oder Umweltzerstörungen stattfinden. Gesetze wie die EU-Entwaldungsverordnung und digitale Instrumente sollen hier zukünftig mehr Kontrolle und Nachhaltigkeit gewährleisten.
Investitionen in Nachhaltigkeit
Unternehmen investieren in umweltfreundliche Infrastruktur, wie Solarpaneele, und schaffen respektvolle Arbeitsumfelder. Sie arbeiten mit Partnerorganisationen zusammen, um lokale Gemeinschaften zu unterstützen, das Einkommen der Landwirte zu verbessern und Risiken von Kinderarbeit zu reduzieren. Die Förderung von Schulungen und der Zugang zu Kleinkrediten für Kakaobauern sind entscheidende Maßnahmen, um die Produktivität und Qualität zu steigern und somit langfristig das Einkommen zu sichern.
Fazit
Die Schokoladenindustrie steht an einem entscheidenden Punkt. Der Klimawandel bedroht die Existenz des Kakaoanbaus, und die Notwendigkeit fairer Kakaopreise und ethischer Lieferketten ist unbestreitbar. Während gestiegene Rohstoffpreise die Konsumenten vor höhere Kosten stellen, treiben sie gleichzeitig Innovationen und das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum voran. Initiativen wie Plant-for-the-Planet zeigen, dass ein genussvolles Produkt aktiv zum Klimaschutz beitragen kann, während Unternehmen ihre soziale Verantwortung zunehmend ernst nehmen, indem sie in transparente, faire und ökologisch verträgliche Lieferketten investieren. Der Weg zu einer vollständig nachhaltigen Schokoladenwelt ist noch weit, doch die aktuellen Entwicklungen, angetrieben durch informierte Konsumenten und engagierte Unternehmen, weisen in die richtige Richtung: hin zu einem Genuss, der süß für den Gaumen und gut für den Planeten ist.
Weiterführende Links
https://schokoinfo.de/schokotorial/kakao-und-klimawandel/
https://fairafric.com/blogs/blog/die-auswirkungen-des-klimawandels-auf-den-kakaoanbau-in-ghana





