Tarifrunde Metall 2026: Flexibilisierung nach unten und oben — Was Betriebsräte jetzt wissen müssen

Die Tarif­run­de in der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie steht bevor. Am 22. Sep­tem­ber wer­den die fina­les For­de­run­gen beschlos­sen, ab Okto­ber ver­han­delt die IG Metall mit den Arbeit­ge­ber­ver­bän­den. Doch die­se Tarif­run­de ist anders — und zwar aus einem ein­fa­chen Grund: Die Bran­che ist gespal­ten wie seit Jah­ren nicht mehr.

Der aktuelle Stand

Die Tarif­kom­mis­sio­nen aller sie­ben IG Metall-Bezir­ke haben am 25. Juni 2026 die Kün­di­gung der Ent­gelt­ta­rif­ver­trä­ge beschlos­sen. Damit ist die Vor­aus­set­zung für Tarif­ver­hand­lun­gen geschaf­fen. Die Frie­dens­pflicht endet am 31. Okto­ber 2026 um 24 Uhr — ab dem 1. Novem­ber sind Warn­streiks zuläs­sig.

Wichtige Termine im Überblick

Datum Ereig­nis
22. Sep­tem­ber 2026 Beschluss der fina­len Tarif­for­de­run­gen durch die Tarif­kom­mis­sio­nen
Okto­ber 2026 Beginn der Tarif­ver­hand­lun­gen
31. Okto­ber 2026 Ende der Frie­dens­pflicht
1. Novem­ber 2026 Warn­streiks mög­lich

Das große Problem: Zwei Branchen in einem Tarifgebiet

Die Lage in der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie ist extrem dif­fe­ren­ziert. Die­se Spal­tung ist das defi­ning Fea­ture die­ser Tarif­run­de:

Die Gewinner der Transformation

  • Erneu­er­ba­re Ener­gien: Wind­kraft, Solar, Was­ser­stoff — Sek­to­ral­er­boom
  • Rüs­tungs­in­dus­trie: Durch die geo­po­li­ti­sche Lage stark nach­ge­fragt
  • Flug­zeug­indus­trie: Air­bus und Zulie­fe­rer in der Hoch­kon­junk­tur
  • Medi­zin­tech­nik: Demo­gra­fi­scher Wan­del treibt Nach­fra­ge
  • Ener­gie­tech­nik: Trans­for­ma­ti­ons­ge­win­ner durch Ener­gie­wen­de

Die Verlierer der Transformation

  • Auto­bau­er: VW, Mer­ce­des, BMW — Umstel­lung auf E‑Mobilität kos­tet Mil­li­ar­den
  • Zulie­fe­rer: Beson­ders betrof­fen durch die genann­ten Auto­her­stel­ler
  • Tra­di­tio­nel­ler Maschi­nen­bau: Steht vor struk­tu­rel­len Her­aus­for­de­run­gen

Die neue Idee: „Flexibilität nach unten und oben“

Genau hier set­zen zwei IG Metall-Bezirks­lei­ter an. Ihre Vor­schau im Han­dels­blatt vom 21. August 2026:

„Wir schla­gen vor, dass gut ver­die­nen­de Betrie­be ihren Mit­ar­bei­tern einen Auf­schla­g支付en. Das könn­te im Gegen­zug einen nied­ri­ge­ren all­ge­mei­nen Tarif­ab­schluss für die rund vier Mil­lio­nen Beschäf­tig­ten der gesam­ten Metall- und Elek­tro­in­dus­trie ermög­li­chen.“

Das Modell im Detail

  1. Gute Betrie­be zah­len Auf­schlag: Unter­neh­men mit star­ken Gewin­nen (Rüs­tung, Erneu­er­ba­re, Flug­zeug) zah­len zusätz­lich zum Tarif­lohn einen betrieb­li­chen Auf­schlag
  2. Schwa­che Betrie­be wer­den geschont: Auto­bau­er und ihre Zulie­fe­rer zah­len nur den Grund­ta­rif — oder weni­ger, wenn betriebs­üb­lich
  3. Ein­heit­li­che For­de­rung: Trotz­dem bleibt die Tarif­for­de­rung ein­heit­lich — sie wird nur durch die Auf­schlä­ge unter­schied­lich aus­ge­zahlt

Was bedeutet das für Betriebsräte?

§ 80 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG — Der Überwachungsauftrag

Der Betriebs­rat hat über die Ein­hal­tung der Geset­ze, Vor­schrif­ten, Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten sowie kol­lek­tiv­recht­li­cher Ver­ein­ba­run­gen zu wachen. In Zei­ten einer sol­chen Tarif­run­de ist die­se Auf­ga­be beson­ders rele­vant:

  • Wer­den Kün­di­gun­gen ord­nungs­ge­mäß nach­ge­wie­sen?
  • Wer­den die Rech­te der Beschäf­tig­ten gewahrt?
  • Wird der Sozi­al­plan zügig ver­han­delt?

§ 77 Abs. 4 BetrVG — Mitbestimmung bei Entgeltordnung

Hier liegt der Schlüs­sel: Wenn die IG Metall das Modell der „Fle­xi­bi­li­tät nach unten und oben“ durch­setzt, wird das betriebs­üb­li­che Ent­gelt neu defi­niert. Das betrifft alle betrieb­li­chen Rege­lun­gen:

  • Zeit­li­che Arbeits­zeit: Schicht­mo­del­le, Gleit­zeit
  • Ört­li­che Arbeits­zeit: Anwe­sen­heits­pflicht, Home­of­fice
  • Art der Arbeit: Home­of­fice-Rege­lun­gen, mobi­les Arbei­ten

§ 111 BetrVG — Gefahrenabwehr

Bei dro­hen­den Streiks oder Aus­sper­run­gen hat der Betriebs­rat die Pflicht, die Geschäfts­lei­tung recht­zei­tig über wich­ti­ge Ereig­nis­se zu infor­mie­ren, die erheb­li­che Nach­tei­le für die Beleg­schaft bedeu­ten kön­nen.

Checkliste für Betriebsräte in der Tarifrunde

  • Infor­miert sein: Las­sen Sie sich von der IG Metall vor Ort über den Stand der Ver­hand­lun­gen infor­mie­ren.
  • Betrieb­li­che Lage ana­ly­sie­ren: Wie steht es um die Gewinn­la­ge Ihres Unter­neh­mens? Kann es höhe­re Löh­ne tra­gen?
  • Betriebs­rä­te-Ver­samm­lung ein­be­ru­fen: Tau­schen Sie sich mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus — was sind ihre Prio­ri­tä­ten?
  • Sach­ver­stän­di­ge hin­zu­zie­hen: Erwä­gen Sie nach § 80 Abs. 3 BetrVG exter­ne Exper­ten für Arbeits­recht und Tarif­ver­hand­lun­gen.
  • Sozi­al­plan vor­be­rei­ten: Falls Kon­flik­te eska­lie­ren, muss der Betriebs­rat schnell han­deln kön­nen.
  • Doku­men­ta­ti­on: Doku­men­tie­ren Sie alle Schrit­te und Bespre­chun­gen sorg­fäl­tig.
  • Ver­net­zung: Tau­schen Sie sich mit ande­ren Betriebs­rä­ten in der Bran­che aus — die Ent­wick­lun­gen in der Metall­in­dus­trie haben Aus­wir­kun­gen auf die gesam­te Wirt­schaft.

Die Rolle des Betriebsrats in der Tarifrunde

Betriebs­rä­te ste­hen in der Tarif­run­de vor einer beson­de­ren Her­aus­for­de­rung: Sie ver­tre­ten die Inter­es­sen der Beschäf­tig­ten im Betrieb, müs­sen aber gleich­zei­tig die Ein­heit­lich­keit der Gewerk­schafts posi­ti­on wah­ren.

Das Span­nungs­feld:

  • Ein Betrieb kann sich höhe­re Löh­ne leis­ten als ein ande­rer
  • Aber: Ein zu hoher indi­vi­du­el­ler Abschluss schwächt die Ver­hand­lungs­po­si­ti­on der IG Metall
  • Und: Ein zu nied­ri­ger Abschluss führt zu Unmut in der Beleg­schaft

Die Lösung: Das Modell der „Fle­xi­bi­li­tät nach unten und oben“ könn­te die­sen Ziel­kon­flikt auf­lö­sen — wenn die IG Metall es durch­setzt.

Fazit

Die Tarif­run­de 2026 wird eine der span­nends­ten seit Jah­ren. Die Spal­tung der Bran­che zwi­schen Gewin­nern und Ver­lie­rern der Trans­for­ma­ti­on stellt die Gewerk­schaf­ten vor enor­me Her­aus­for­de­run­gen. Für Betriebs­rä­te bedeu­tet das: Jetzt muss aktiv gehan­delt wer­den, um die Inter­es­sen der Beleg­schaft zu wah­ren. Wer jetzt zögert, ris­kiert, dass wich­ti­ge Rech­te ver­wirkt wer­den.

Die nächs­ten zwei Wochen sind ent­schei­dend — bis zum 22. Sep­tem­ber, wenn die fina­len For­de­run­gen beschlos­sen wer­den. Blei­ben Sie dran!


Quel­len:
- IG Metall (25.06.2026): Tarif­auf­takt in die Metall- und Elek­tro­in­dus­trie
- Han­dels­blatt (21.08.2026): IG-Metal­ler for­dern „Fle­xi­bi­li­tät nach unten und oben“
- Hans-Böck­ler-Stif­tung: Betriebs­rä­te­preis 2026

Hin­weis: Die­ser Arti­kel stellt kei­ne Rechts­be­ra­tung dar. Für kon­kre­te recht­li­che Fra­gen wen­den Sie sich bit­te an einen Rechts­an­walt oder Ihren Betriebs­rechts­be­ra­ter.

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