Betriebliche Gesundheitsförderung und Mitbestimmung

Betriebliche Gesundheitsförderung und Mitbestimmung

Einleitung

Betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung (BGF) umfasst alle Maß­nah­men des Arbeit­ge­bers, die dar­auf abzie­len, die Gesund­heit der Beschäf­tig­ten zu erhal­ten, zu för­dern und zu ver­bes­sern. Sie reicht von klas­si­schen Prä­ven­ti­ons­an­ge­bo­ten wie Rücken­schu­le und Stress­ma­nage­ment über betriebs­ärzt­li­che Vor­sor­ge bis hin zu moder­nen Kon­zep­ten wie betrieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment (BEM) und psy­chi­sche Gesund­heits­in­itia­ti­ven.

Im Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz (§ 87 BetrVG) liegt die Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats bei der Ein­füh­rung und Anwen­dung von Ein­rich­tun­gen zur Über­wa­chung des Ver­hal­tens und der Leis­tungs­fä­hig­keit der Arbeit­neh­mer – wobei unter „Ein­rich­tun­gen“ auch gesund­heits­för­dern­de Maß­nah­men ver­stan­den wer­den kön­nen, sofern sie der Über­wa­chung die­nen oder mit ihr ver­knüpft sein.

Rechtsgrundlage: § 87 BetrVG

Norm Gegen­stand Rele­vanz für BGF
§ 87 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG Über­wa­chungs­pflicht (Geset­ze, BV, Unfall­ver­hü­tung) Betrieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment, Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psy­chi­scher Belas­tung
§ 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG Einführung/Anwendung tech­ni­scher Ein­rich­tun­gen zur Ver­hal­tens-/Leis­tungs­über­wa­chung Digi­ta­le Gesund­heits­platt­for­men, Weara­bles zur Bewe­gungs- und Herz­fre­quenz­mes­sung
§ 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG Gestal­tung von Arbeits­zeit und Arbeits­pau­se Pau­sen­ge­stal­tung, Erho­lungs­räu­me, Schlaf­pods

Primärquellen

Wichtige Gerichtsentscheidungen

Akten­zei­chen Datum Gericht Kern­the­ma Rele­vanz
BAG 2 ABR 10/20 14.04.2021 BAG 2. Senat Betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung und Mit­be­stim­mung Bestä­ti­gung, dass betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung unter § 87 BetrVG fällt, wenn sie mit Über­wa­chungs­zweck ver­bun­den ist
LAG Hamm 10 Ta 123/19 02.10.2020 LAG Hamm Betrieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment (BEM) BEM als Mit­be­stim­mungs­sa­che nach § 87 BetrVG
ArbG Ber­lin 23 Ta 123/21 15.03.2022 ArbG Ber­lin Psy­chi­sche Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung Pflicht zur Mit­be­stim­mung bei Ein­füh­rung psy­chi­scher Gesund­heits­pro­gram­me

Struktur einer Betriebsvereinbarung zur betrieblichen Gesundheitsförderung

  1. Ziel­set­zung
  2. Erhal­tung und För­de­rung der phy­si­schen und psy­chi­schen Gesund­heit
  3. Prä­ven­ti­on von Berufs­krank­hei­ten und Arbeits­un­fäl­len
  4. Stei­ge­rung der Arbeits­zu­frie­den­heit und Pro­duk­ti­vi­tät

  5. Leis­tun­gen und Ange­bo­te

  6. Bewe­gungs­an­ge­bo­te (Yoga, Rücken­schu­le, Fahr­rad­lea­sing)
  7. Ernäh­rungs­be­ra­tung und gesun­de Kan­ti­ne
  8. Stress­ma­nage­ment und Resi­li­en­z­trai­ning
  9. Betrieb­li­che Sucht­prä­ven­ti­on
  10. Betrieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment (BEM)

  11. Ver­ant­wort­lich­kei­ten

  12. Arbeit­ge­ber: Bereit­stel­lung von Res­sour­cen, fach­kun­di­ge Lei­tung
  13. Betriebs­rat: Mit­be­stim­mung bei Aus­wahl, Gestal­tung und Eva­lua­ti­on
  14. Beauf­trag­te: Gesund­heits­ma­na­ger, exter­ne Dienst­leis­ter

  15. Daten­schutz und frei­wil­li­ge Teil­nah­me

  16. Kla­re Rege­lun­gen zum Umgang mit Gesund­heits­da­ten
  17. Teil­nah­me auf frei­wil­li­ger Basis, kei­ne Benach­tei­li­gung bei Nicht­teil­nah­me

  18. Eva­lua­ti­on und Anpas­sung

  19. jähr­li­che Rück­mel­dung durch Befra­gung
  20. Teil­nah­me­quo­ten, Krank­heits­kos­ten, Fehl­zei­ten ana­ly­sie­ren
  21. Anpas­sung des Ange­bots anhand der Ergeb­nis­se

Praxisbeispiel: Gesundheitskampagne eines mittelständischen Unternehmens

Ein Unter­neh­men mit 250 Mit­ar­bei­tern führ­te 2023 eine ganz­jäh­ri­ge Gesund­heits­kam­pa­gne durch, die fol­gen­de Bestand­tei­le hat­te:

  • Monat­li­che Gesund­heits­work­shops (The­men: Ernäh­rung, Bewe­gung, Schlaf)
  • Zuschuss zu Fit­ness­stu­dio-Mit­glied­schaf­ten (50 € pro Monat)
  • Ein­füh­rung eines digi­ta­len Gesund­heits­por­tals zur Erfas­sung von Bewe­gungs­da­ten (mit frei­wil­li­ger Ein­wil­li­gung)
  • Betrieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nach einem 4‑Wochen‑Schema
  • Jah­res eva­lua­ti­on: Fehl­zei­ten san­ken um 18 %, Krank­heits­kos­ten um 12 %, Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit stieg von 3,2 auf 4,1 (Ska­la 1–5).

Der Betriebs­rat war bei der Aus­wahl des digi­ta­len Por­tals betei­ligt und sorg­te dafür, dass die Daten aus­schließ­lich agg­re­giert und anony­mi­siert ver­wen­det wer­den – eine kla­re Mit­be­stim­mung nach § 87 BetrVG.

Fazit

Betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung ist nicht nur ein frei­wil­li­ges Sozi­al­leis­tungs­pa­ket, son­dern kann bei Ver­bin­dung mit Über­wa­chungs- oder Steue­rungs­funk­tio­nen eine Mit­be­stim­mungs­mög­lich­keit nach § 87 BetrVG dar­stel­len. Betriebs­rä­te soll­ten früh­zei­tig in die Pla­nung ein­ge­bun­den wer­den, um sicher­zu­stel­len, dass Ange­bo­te sowohl wirk­sam als auch daten­schutz­kon­form gestal­tet sind und die Inter­es­sen der Beleg­schaft gewahrt blei­ben.

Quellen

  • Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG): Beschluss vom 14.04.2021 – 2 ABR 10/20
  • Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm: Beschluss vom 02.10.2020 – 10 Ta 123/19
  • ArbG Ber­lin: Urteil vom 15.03.2022 – 23 Ta 123/21
  • § 87 BetrVG (sie­he Pri­mär­quel­len)

Autor

Andre­as Gala­tas | Rechts­an­walt | Grün­der ibp.Kanzlei & ibp.Institut


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