Mischa Kuball: under construction / public preposition im Baukunstarchiv NRW Dortmund

Mischa Kuball: under construction / public preposition im Baukunstarchiv NRW Dortmund

Die Defi­ni­ti­on des öffent­li­chen Raums befin­det sich in einem ste­ti­gen Wan­del. In einer Zeit, in der urba­ne Flä­chen zuneh­mend durch Pri­va­ti­sie­rung und funk­tio­na­le Ver­dich­tung unter Druck gera­ten, wirft das Pro­jekt „under con­s­truc­tion / public pre­po­si­ti­on“ des Düs­sel­dor­fer Kon­zept­künst­lers Mischa Kuball im Bau­kunst­ar­chiv NRW Dort­mund essen­zi­el­le Fra­gen auf. Es geht nicht nur um Archi­tek­tur, son­dern um die sozia­le Dimen­si­on von Orten: Wie zugäng­lich ist Öffent­lich­keit heu­te? Wer gestal­tet sie mit? Das Pro­jekt ver­steht Öffent­lich­keit nicht als sta­ti­sches Gut, son­dern als dyna­mi­sches Bezie­hungs­ge­flecht zwi­schen Men­schen, Bewe­gung und Archi­tek­tur. Für Betriebs­rä­te und Per­so­nal­ver­ant­wort­li­che, die sich mit moder­nen Arbeits­wel­ten und Par­ti­zi­pa­ti­on befas­sen, bie­tet Kuballs ana­ly­ti­scher Blick wert­vol­le Impul­se zur Gestal­tung von Räu­men der Begeg­nung. Die­se Ana­ly­se beleuch­tet die Ver­bin­dung von künst­le­ri­scher Inter­ven­ti­on und gesell­schafts­po­li­ti­schem Dis­kurs im Kon­text der Dort­mun­der Aus­stel­lung.

Die Genese von „public preposition“: Kunst als soziale Intervention

Das Lang­zeit­pro­jekt „public pre­po­si­ti­on“ bil­det das theo­re­ti­sche Fun­da­ment von Mischa Kuballs Arbeit. Der Begriff der Prä­po­si­ti­on ist hier­bei bewusst gewählt: Er beschreibt das Ver­hält­nis zwi­schen dem Kunst­werk, dem Betrach­ter und dem umge­ben­den Raum. In der Tra­di­ti­on der Kon­zept­kunst und ange­lehnt an Joseph Beuys’ Begriff der Sozia­len Plas­tik, zielt Kuball dar­auf ab, star­re Struk­tu­ren durch Licht und Instal­la­tio­nen auf­zu­bre­chen. Es geht nicht um die Errich­tung dau­er­haf­ter Monu­men­te, son­dern um tem­po­rä­re Inter­ven­tio­nen, die den gewohn­ten urba­nen Kon­text für einen Moment stö­ren und dadurch neu erfahr­bar machen.

Die prä­zi­se Stand­ort­ana­ly­se ist dabei ent­schei­dend. Kuball iden­ti­fi­ziert Orte, deren Bedeu­tung im All­tag oft über­se­hen wird oder die durch archi­tek­to­ni­sche Bar­rie­ren exklu­siv wir­ken. Durch den Ein­satz von Licht­ele­men­ten oder mar­kan­ten Mar­kie­run­gen wer­den die­se Orte als Inter­ak­ti­ons­räu­me mar­kiert. Der vor­über­ge­hen­de Cha­rak­ter die­ser Instal­la­tio­nen unter­streicht die Flüch­tig­keit gesell­schaft­li­cher Über­ein­künf­te dar­über, was „öffent­lich“ ist. Wie in den News – public pre­po­si­ti­on doku­men­tiert, fun­gie­ren die Inter­ven­tio­nen als Werk­zeug zur Wahr­neh­mungs­ver­än­de­rung, indem sie den Betrach­ter zwin­gen, sei­ne eige­ne Posi­ti­on zum Raum und zur Gemein­schaft zu hin­ter­fra­gen. Die­se Urba­ne Inter­ven­ti­on macht deut­lich, dass Raum­ord­nung immer auch eine Ord­nung von Macht und Teil­ha­be ist.

Under construction: Dortmund als Laboratorium für Partizipation

Mit dem spe­zi­fi­schen Fokus auf Dort­mund wird die Stadt unter dem Titel „under con­s­truc­tion“ zum Labo­ra­to­ri­um für sozia­le Pro­zes­se. Das Bau­kunst­ar­chiv NRW dient dabei als Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt für drei geziel­te Inter­ven­tio­nen im Stadt­raum. Hier­bei steht der Pro­zess­cha­rak­ter im Vor­der­grund: Öffent­lich­keit wird als eine Bau­stel­le begrif­fen – ein Raum, der nie fer­tig­ge­stellt ist, son­dern stän­dig neu ver­han­delt wer­den muss. Dies betrifft zen­tra­le Plät­ze eben­so wie schein­ba­re Rand­zo­nen der City.

In Dort­mund wird die Fra­ge nach der Zugäng­lich­keit beson­ders kri­tisch hin­ter­fragt. Wer darf sich wo auf­hal­ten? Wel­che archi­tek­to­ni­schen Bar­rie­ren ver­hin­dern Teil­ha­be? Die Rea­li­sie­rung der Inter­ven­tio­nen im Dort­mun­der Stadt­raum, wie von der Archi­tek­ten­kam­mer NRW beschrie­ben, ver­deut­licht, dass die Gestal­tung von Raum untrenn­bar mit der Fra­ge der Demo­kra­tie ver­bun­den ist. Wenn Räu­me „under con­s­truc­tion“ sind, impli­ziert dies die Mög­lich­keit der Mit­ge­stal­tung.

Für die Pra­xis bedeu­tet dies: Par­ti­zi­pa­ti­on ist kein ein­ma­li­ger Akt, son­dern eine dau­er­haf­te Auf­ga­be. In der betrieb­li­chen Rea­li­tät lässt sich dies mit dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz (BetrVG) ver­glei­chen, das in den §§ 90, 91 Mit­wir­kungs- und Mit­be­stim­mungs­rech­te bei der Gestal­tung von Arbeits­plät­zen und Arbeits­ab­läu­fen vor­sieht. So wie Kuball den Stadt­raum für die Bür­ger öff­net, for­dern moder­ne Arbeits­wel­ten Räu­me, die nicht von oben ver­ord­net, son­dern gemein­sam ent­wi­ckelt wer­den. Dort­mund dient in die­sem Pro­jekt als Bei­spiel für eine Stadt im Struk­tur­wan­del, in der die Ver­hand­lung von Raum und Funk­ti­on eine exis­ten­zi­el­le Bedeu­tung für den sozia­len Zusam­men­halt hat.

Vom Außenraum ins Archiv: Die Transformation künstlerischer Fragestellungen

Der Trans­fer der im Stadt­raum gewon­ne­nen Erkennt­nis­se in den geschlos­se­nen Aus­stel­lungs­raum des Bau­kunst­ar­chivs NRW mar­kiert einen ent­schei­den­den Pha­sen­wech­sel im Pro­jekt „under con­s­truc­tion“. Wäh­rend die Inter­ven­tio­nen im öffent­li­chen Raum durch ihre Unmit­tel­bar­keit und Flüch­tig­keit besta­chen, dient das Archiv als Ort der Doku­men­ta­ti­on und der theo­re­ti­schen Ver­tie­fung. Hier wird die Dyna­mik der Bau­stel­le – das Unfer­ti­ge, Pro­zess­haf­te – in eine musea­le Struk­tur über­führt, ohne dabei ihre Vita­li­tät zu ver­lie­ren.

Die Aus­stel­lung nutzt unter­schied­li­che media­le For­ma­te, um die sozia­len Inter­ak­tio­nen und räum­li­chen Ver­schie­bun­gen der vor­an­ge­gan­ge­nen Per­for­man­ces fest­zu­hal­ten. Dabei geht es Mischa Kuball nicht um eine blo­ße Rück­schau. Viel­mehr wird das Archiv selbst zum akti­ven Akteur. Es kon­ser­viert den Zustand des „Under Con­s­truc­tion“ und macht ihn als dau­er­haf­tes Prin­zip der Stadt­ent­wick­lung les­bar. Für die Betrach­ter bedeu­tet dies einen Per­spek­tiv­wech­sel: Die gewohn­te Archi­tek­tur­ge­schich­te, die oft auf abge­schlos­se­ne Monu­men­te blickt, wird durch eine pro­zess­ori­en­tier­te Sicht­wei­se ergänzt.

Die­ser metho­di­sche Ansatz der Medi­en­kunst ver­deut­licht, dass öffent­li­cher Raum nicht allein durch phy­si­sche Prä­senz, son­dern maß­geb­lich durch die dar­über geführ­ten Dis­kur­se exis­tiert. Das Bau­kunst­ar­chiv fun­giert somit als Refle­xi­ons­ort, an dem die Fra­ge nach der Nutz­bar­keit und Gestal­tungs­ho­heit urba­ner Flä­chen sys­te­ma­tisch dekon­stru­iert wird. Die Trans­for­ma­ti­on zeigt auf, dass Erkennt­nis­se aus tem­po­rä­ren Pro­jek­ten einen fes­ten Platz in der bau­ge­schicht­li­chen Über­lie­fe­rung benö­ti­gen, um lang­fris­ti­ge gesell­schaft­li­che Lern­pro­zes­se anzu­sto­ßen.

Relevanz für die Arbeitswelt: Partizipation und Raumgestaltung

Die Kern­aspek­te von Kuballs Arbeit – Trans­pa­renz, Teil­ha­be und die Ver­hand­lung von Raum – las­sen sich unmit­tel­bar auf moder­ne Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren und die Gestal­tung der Arbeits­welt über­tra­gen. In einer Zeit, in der New Work und hybri­de Arbeits­mo­del­le die Anfor­de­run­gen an Betriebs­stät­ten grund­le­gend ver­än­dern, gewin­nen künst­le­ri­sche Impul­se zur Raum­an­eig­nung an prak­ti­scher Bedeu­tung.

Für Betriebs­rä­te und Per­so­nal­ver­ant­wort­li­che erge­ben sich hier­aus kon­kre­te Anknüp­fungs­punk­te für die betrieb­li­che Mit­be­stim­mung. Gemäß § 90 BetrVG hat der Arbeit­ge­ber den Betriebs­rat über die Pla­nung von Neu‑, Um- und Erwei­te­rungs­bau­ten von Büro- und Arbeits­räu­men recht­zei­tig zu unter­rich­ten und die vor­ge­se­he­nen Maß­nah­men zu bera­ten. Kuballs Kon­zept der „Public Pre­po­si­ti­on“ – der Ver­hält­nis­be­stim­mung zwi­schen Akteur und Raum – legt nahe, dass eine erfolg­rei­che Raum­ge­stal­tung über die rein funk­tio­na­le Aus­stat­tung hin­aus­ge­hen muss.

Par­ti­zi­pa­ti­on in der Arbeits­welt bedeu­tet, die Beschäf­tig­ten aktiv in die Gestal­tung ihrer Umge­bung ein­zu­be­zie­hen. Dies för­dert nicht nur die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Unter­neh­men, son­dern dient auch dem Gesund­heits­schutz nach dem Arbeits­schutz­ge­setz (ArbSchG), da psy­chi­sche Belas­tun­gen durch eine als fremd­be­stimmt wahr­ge­nom­me­ne Arbeits­um­ge­bung redu­ziert wer­den kön­nen.

Fol­gen­de Hand­lungs­fel­der las­sen sich ablei­ten:

  • Kom­mu­ni­ka­ti­ons­flä­chen: Schaf­fung von Räu­men, die spon­ta­nen Aus­tausch und Begeg­nung ermög­li­chen, statt rein hier­ar­chi­scher Struk­tu­ren.
  • Fle­xi­bi­li­tät: Gestal­tung von Arbeits­plät­zen, die sich wie eine „Bau­stel­le“ an wech­seln­de Pro­jekt­an­for­de­run­gen anpas­sen las­sen.
  • Trans­pa­renz: Offen­le­gung von Ent­schei­dungs­pro­zes­sen bei räum­li­chen Ver­än­de­run­gen, um eine „Unter­neh­men­s­öf­fent­lich­keit“ zu schaf­fen.

Die künst­le­ri­sche Inter­ven­ti­on erin­nert dar­an, dass auch betrieb­li­che Räu­me sozia­le Kon­struk­te sind, die durch die Inter­ak­ti­on der Men­schen zum Leben erweckt wer­den. Eine star­re Archi­tek­tur, die kei­nen Raum für indi­vi­du­el­le Aneig­nung lässt, kon­ter­ka­riert moder­ne Ansät­ze der Cor­po­ra­te Social Respon­si­bi­li­ty (CSR) und der Mit­ar­bei­ter­bin­dung.

Fazit

Mischa Kuballs Pro­jekt „under con­s­truc­tion / public pre­po­si­ti­on“ im Bau­kunst­ar­chiv NRW Dort­mund ist weit mehr als eine kunst­his­to­ri­sche Bestands­auf­nah­me. Es ist ein Plä­doy­er für eine leben­di­ge und ver­han­del­ba­re Öffent­lich­keit. Die Aus­stel­lung macht deut­lich, dass der öffent­li­che Raum – eben­so wie der Raum der Arbeit – nie­mals als fer­tig­ge­stellt betrach­tet wer­den darf. Das Motiv der Bau­stel­le wird hier­bei zur Meta­pher für eine moder­ne, demo­kra­ti­sche Gesell­schaft, die sich stän­dig neu defi­nie­ren muss.

Die Ana­ly­se der Dort­mun­der Inter­ven­tio­nen zeigt, dass Teil­ha­be kein pas­si­ver Zustand, son­dern ein akti­ver Gestal­tungs­pro­zess ist. Für die Akteu­re in Betrie­ben und Ver­wal­tun­gen lie­fert Kuball das theo­re­ti­sche und visu­el­le Fun­da­ment, um Par­ti­zi­pa­ti­on nicht nur als recht­li­che Pflicht, son­dern als Chan­ce für kul­tu­rel­le Wei­ter­ent­wick­lung zu begrei­fen.

Indem wir Räu­me als „under con­s­truc­tion“ begrei­fen, hal­ten wir sie offen für Ver­än­de­run­gen, für Viel­falt und für den not­wen­di­gen gesell­schaft­li­chen Dis­kurs. Das Pro­jekt unter­streicht die Not­wen­dig­keit, Archi­tek­tur und Stadt­pla­nung stets an den Bedürf­nis­sen derer aus­zu­rich­ten, die sie täg­lich nut­zen. Letzt­lich zeigt Kuball, dass die Qua­li­tät eines Rau­mes – ob im urba­nen Kon­text oder im Büro – an der Qua­li­tät der dar­in ermög­lich­ten mensch­li­chen Bezie­hun­gen gemes­sen wird.

Der Blick durch die Lin­se der Kon­zept­kunst schärft das Bewusst­sein dafür, dass jeder gestal­te­te Raum eine poli­ti­sche und sozia­le Aus­sa­ge trifft. Das Bewusst­sein für die­se Ver­ant­wor­tung zu schär­fen, bleibt eine Dau­er­auf­ga­be für alle Akteu­re, die unse­re gebau­te Umwelt und unse­re Arbeits­welt von mor­gen gestal­ten.

Weiterführende Quellen