Die deutsche Metall- und Elektroindustrie (M+E) durchlebt derzeit eine ihrer schwierigsten Phasen seit der Wiedervereinigung. Eine Kombination aus globalen Unsicherheiten, explodierenden Energiekosten und einer strukturellen Transformation hat die Branche in eine tiefe Rezession gestürzt. Die Folgen sind gravierend: Tausende von Arbeitsplätzen gehen verloren, während Unternehmen die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zunehmend infrage stellen.
Dramatischer Stellenabbau in Schlüsselindustrien
Der Jobabbau in der deutschen M+E‑Industrie hat besorgniserregende Ausmaße angenommen. Allein in Bayern gingen 20.000 Arbeitsplätze verloren. Über die gesamte M+E‑Branche hinweg wurden im Vergleich zum Vorjahr 93.200 Stellen gestrichen, und seit dem Höchststand nach der Corona-Krise 2023 sind es sogar mehr als 120.000 hochwertige Industriearbeitsplätze bundesweit. Dieser Trend betrifft alle Qualifikationsstufen, vom Facharbeiter bis zum hochqualifizierten Ingenieur.
Besonders hart trifft es die Automobilzulieferer. Bosch plant, in seiner Mobility-Sparte rund 13.000 zusätzliche Arbeitsplätze abzubauen, hauptsächlich an deutschen Standorten. Auch Webasto, ein weiterer großer Zulieferer, streicht 950 Stellen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) meldet, dass seit 2019 fast 120.000 Arbeitsplätze in der Automobilindustrie verloren gingen, wobei die Zulieferer stärker betroffen sind als die Hersteller selbst. Bei Thyssenkrupp Steel ist bis 2030 eine Reduzierung der Belegschaft von 27.000 auf 16.000 Mitarbeiter vorgesehen. Eine Umfrage zeigt, dass 41 Prozent der Stahl- und Metallverarbeiter in den kommenden Monaten Entlassungen für unvermeidbar halten.
Rezession und massive Auftragseinbrüche
Die deutsche Metall- und Elektroindustrie steckt in der längsten Rezession seit der Wiedervereinigung. Die Produktion in der M+E‑Industrie brach 2024 um 6,6 Prozent ein, und für 2025 wird ein weiterer Rückgang um 2,5 Prozent erwartet. Insbesondere der Inlandsabsatz schrumpfte 2024 um 7,3 Prozent, während die Auslandserlöse um 4,5 Prozent nachgaben. Die Neuaufträge sanken trotz einiger Großaufträge um 3,9 Prozent im Jahresvergleich. Diese Entwicklung liegt deutlich unter der weltweiten Industrieproduktion. Im Juli klagten bundesweit 42 Prozent der Unternehmen über Auftragsmangel. Im Fahrzeugbau in Baden-Württemberg sank die Produktion im August um 13,1 Prozent, was zu einem Gesamtrückgang der M+E‑Produktion im Land von fast fünf Prozent führte.
Die Bürde der Energiepreise
Ein zentraler Belastungsfaktor sind die hohen Energiepreise. In Deutschland sind die Gaspreise bis zu siebenmal und die Strompreise bis zu fünfmal so hoch wie an konkurrierenden internationalen Standorten. Dies bedroht die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrien wie Chemie, Metall, Mineralöl, Glas oder Papier. Alarmierende vier von zehn Unternehmen erwägen, ihre Produktion wegen der hohen Energiekosten in Deutschland einzuschränken oder ganz ins Ausland zu verlagern. Eine aktuelle IG Metall-Betriebsrätebefragung aus Oktober 2025 bestätigt, dass 46 Prozent der befragten Betriebe ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiepreise als stark gefährdet ansehen.
Standort Deutschland unter Druck
Deutschland befindet sich in einer Standortkrise. Unternehmen bewerten die Wettbewerbsbedingungen hierzulande so negativ wie noch nie. Als Hauptursachen werden Bürokratie, hohe Sozialabgaben und die bereits genannten Energiekosten genannt. Mehr als 40 Prozent der Unternehmen planen, ihre Investitionen in Deutschland weiter zu reduzieren, während fast ein Viertel beabsichtigt, verstärkt im Ausland zu investieren. Die schlechte Stimmung spiegelt sich in Umfragen wider, in denen 46 Prozent der Unternehmen ihre Lage als schlecht einschätzen und 43 Prozent keine absehbare Verbesserung erwarten.
Transformation der Stahlindustrie: Herausforderungen und Chancen
Die Stahlindustrie, ein Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft, steht vor einer zweifachen Herausforderung: Sie muss globale Konkurrenz und Überkapazitäten bewältigen und gleichzeitig ehrgeizige Klimaziele erreichen. Die Branche strebt eine CO2-neutrale Produktion bis 2045/2050 an, was den Ersatz von Hochöfen durch Direktreduktionsanlagen und die Umstellung auf Wasserstoff erfordert. Die spezifischen Kapitalkosten für Wasserstoff-Direktreduktionsverfahren sind jedoch fast fünfmal so hoch wie bei konventioneller Produktion.
Die Bundesregierung hat dies erkannt und bereits 2020 das „Handlungskonzept Stahl“ verabschiedet, das darauf abzielt, Chancengleichheit auf dem globalen Markt zu schaffen, den Carbon-Leakage-Schutz zu stärken und die Voraussetzungen für grünen Stahl „made in Germany“ zu schaffen. Die EU plant zudem, 100 Milliarden Euro zur Stützung ihrer industriellen Basis zu mobilisieren. Dennoch ist der Weg zur Transformation mit enormen Investitionen und der Notwendigkeit eines stabilen energiepolitischen Rahmens verbunden, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
IG Metall und Betriebsräte: Forderungen für eine soziale Transformation
Angesichts dieser prekären Lage fordern die IG Metall und die Betriebsräte eine aktive Industriepolitik von Bund und Ländern. Eine Umfrage der IG Metall zeigt, dass Betriebsräte in fast jedem zweiten Industriebetrieb um die Sicherheit der Beschäftigung fürchten. Rund 90 Prozent der Betriebe sehen ihr Geschäftsmodell unter Anpassungsdruck.
Die Gewerkschaft setzt sich für einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis, grüne Leitmärkte und fairen internationalen Wettbewerb ein. Sie betont die Notwendigkeit, dass Unternehmen sich klar zum Industriestandort Deutschland bekennen und konsequent in die Zukunft der heimischen Standorte investieren. Für die Tarifrunde 2024 fordert die IG Metall angesichts der anhaltend hohen Inflation höhere Löhne, um die Kaufkraft der Beschäftigten zu sichern. Die Transformation soll sozial, ökologisch und demokratisch gestaltet werden, um Wohlstand und gute Arbeitsplätze in einer klimaneutralen Wirtschaft zu erhalten.
Fazit
Die deutsche Metall- und Elektroindustrie steht vor einer existenzbedrohenden Krise. Hohe Energiepreise, massive Auftragseinbrüche und ein struktureller Wandel führen zu weitreichendem Stellenabbau und gefährden den Standort Deutschland. Während die Stahlindustrie vor der gigantischen Aufgabe der Dekarbonisierung steht, fordern die IG Metall und Betriebsräte dringend eine entschlossene Industriepolitik, die den Erhalt von Arbeitsplätzen sichert und die Transformation sozial und wettbewerbsfähig gestaltet. Ohne konkrete Maßnahmen zur Entlastung bei Energiekosten, zur Reduzierung von Bürokratie und zur Förderung von Investitionen in zukunftsfähige Technologien droht eine weitere Deindustrialisierung Deutschlands.





