BGH verhandelt erstmals: KI-Training vs. Urheberrecht — Was das für Creative Industries bedeutet

Am 3. Sep­tem­ber 2026 hat der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) in Karls­ru­he erst­mals über die urhe­ber­recht­li­chen Gren­zen des KI-Trai­nings ver­han­delt — die Ent­schei­dung steht noch aus. Der Fall um den Foto­gra­fen Robert Knesch­ke und den Ver­ein LAION könn­te die digi­ta­le Zukunft der Krea­tiv­bran­che ent­schei­dend prä­gen — und hat weit­rei­chen­de Fol­gen für alle, die mit KI-gene­rier­ten Inhal­ten arbei­ten.

Der Fall im Überblick

Der Foto­graf Robert Knesch­ke klagt gegen den gemein­nüt­zi­gen Ver­ein LAION e.V. mit Sitz in Ham­burg. LAION erstellt offe­ne Daten­sät­ze aus Quel­len im Inter­net und stellt sie Unter­neh­men für das Trai­ning von KI-Model­len zur Ver­fü­gung. Der Daten­satz „LAION-5B“ umfasst rund sechs Mil­li­ar­den Bild-Text-Paa­re — dar­un­ter auch ein Foto von Knesch­ke.

Die Kern­fra­ge: Darf LAION das Bild ohne Zustim­mung des Rech­te­inha­bers für das Trai­ning einer KI ver­wen­den?

Knesch­ke ver­langt Unter­las­sung und Scha­dens­er­satz. Er ver­tritt die Ansicht, dass LAION sich nicht auf die bei­den Schran­ken­be­stim­mun­gen des deut­schen Urhe­ber­rechts­ge­set­zes (UrhG) beru­fen kann:

  • § 44b UrhG: Erlaubt Text- und Data-Mining (TDM)
  • § 60d UrhG: Erlaubt Ver­viel­fäl­ti­gun­gen für wis­sen­schaft­li­che For­schung

Bei­de Vor­in­stan­zen (LG Ham­burg, OLG Ham­burg) haben LAION recht gege­ben. Nun war­tet die Bran­che auf das Urteil des BGH. Eine Vor­la­ge an den EuGH an den Euro­päi­schen Gerichts­hof (EuGH) ist mög­lich.

Was der BGH entscheidet muss

1. Ist LAION eine „Einrichtung der wissenschaftlichen Forschung“?

Nach § 60d UrhG dür­fen Ver­viel­fäl­ti­gun­gen für Zwe­cke der wis­sen­schaft­li­chen For­schung erfol­gen. LAION argu­men­tiert, dass der Ver­ein gemein­nüt­zig sei und offe­ne Daten­sät­ze für die For­schung bereit­stel­le.

Knesch­ke hin­ge­gen ver­weist auf die Koope­ra­ti­on von LAION mit KI-Unter­neh­men wie Sta­bi­li­ty AI. Er sieht dar­in einen kom­mer­zi­el­len Zweck, der die wis­sen­schaft­li­che Aus­rich­tung infra­ge stel­le.

Die Fra­ge ist ent­schei­dend: Wenn LAION kei­ne wis­sen­schaft­li­che Ein­rich­tung ist, greift § 60d UrhG nicht — und nur noch § 44b UrhG bleibt als Mög­lich­keit.

2. Was sagt § 44b UrhG?

§ 44b UrhG erlaubt Text- und Data-Mining (TDM) für kom­mer­zi­el­le und nicht-kom­mer­zi­el­le Zwe­cke — mit einer wich­ti­gen Ein­schrän­kung: Rech­te­inha­ber kön­nen die Nut­zung unter­sa­gen, sofern dies in maschi­nen­les­ba­rer Form erfolgt.

Der Knack­punkt: In den Nut­zungs­be­din­gun­gen der Bild­agen­tur, auf der Knesch­kes Bild ver­öf­fent­licht war, stand ein Ver­merk in natür­li­cher Spra­che, den man als Scra­ping-Ver­bot inter­pre­tie­ren könn­te. Das OLG Ham­burg ent­schied jedoch, dass ein sol­cher Vor­be­halt in natür­li­cher Spra­che nicht aus­reicht — er müs­se maschi­nen­les­bar sein.

3. Warum die Vorlage an den EuGH an den EuGH?

Der BGH sieht bei meh­re­ren grund­le­gen­den Fra­gen Klä­rungs­be­darf:

  • Wie ist der Begriff „wis­sen­schaft­li­che For­schung“ im Sin­ne von § 60d UrhG aus­zu­le­gen?
  • Reicht ein Scra­ping-Ver­bot in natür­li­cher Spra­che aus, um von § 44b UrhG aus­ge­schlos­sen zu wer­den?
  • Wie ver­hält sich deut­sches Recht zur EU-Text-Data-Mining-Richt­li­nie (DSM-Richt­li­nie)?

Eine Vor­la­ge an den EuGH an den EuGH wäre daher mög­lich — und wür­de den Rechts­streit vor­aus­sicht­lich um Mona­te oder Jah­re ver­zö­gern.

Die Bedeutung für die Kreativbranche

Fotografen und Künstler

Der Fall Knesch­ke vs. LAION ist sym­bo­lisch für ein viel grö­ße­res Pro­blem: Künst­ler und Foto­gra­fen sehen ihre Wer­ke als „Roh­stoff“ für KI-Sys­te­me genutzt, ohne betei­ligt zu wer­den oder zustim­men zu müs­sen.

„Wie viel ist krea­ti­ve Arbeit noch wert, wenn sie unge­fragt zur Roh­stoff­ba­sis einer neu­en Tech­no­lo­gie­in­dus­trie wird?“

Sein Argu­ment: Urhe­bern wer­de nicht gefragt, nicht bezahlt, und die dar­aus trai­nier­ten Werk­zeu­ge könn­ten sie spä­ter sogar erset­zen.

Stock-Fotografie-Agenturen

Die Stock-Foto­gra­fie-Bran­che steht vor exis­ten­zi­el­len Her­aus­for­de­run­gen. Wenn KI-Model­le mit urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Bil­dern trai­niert wer­den kön­nen, ohne dass Lizenz­ge­büh­ren flie­ßen, ver­lo­ren tra­di­tio­nel­le Anbie­ter ihr Geschäfts­mo­dell.

Die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Bild-Kunst unter­stützt Knesch­ke in dem Ver­fah­ren — ein Zei­chen dafür, dass die Bran­che den Kampf um ihre Rech­te auf­neh­men will.

Was bedeutet das für Unternehmen?

KI-Entwickler und ‑Nutzer

Solan­ge der Fall vor dem BGH anhän­gig ist, herrscht Rechts­un­si­cher­heit:

  • Für KI-Ent­wick­ler: Dür­fen sie Trai­nings­da­ten aus dem Inter­net scra­pe­hen? Müs­sen sie Lizen­zen kau­fen?
  • Für KI-Nut­zer: Haben sie Haf­tung­ri­si­ken, wenn sie mit KI-gene­rier­ten Inhal­ten arbei­ten, die auf umstrit­te­nen Daten basie­ren?

Medienhäuser und Publisher

Auch Tex­te, Arti­kel und Fotos von Medi­en­häu­sern wer­den für KI-Trai­ning ver­wen­det. Der Fall Knesch­ke setzt einen Prä­ze­denz­fall, der weit über die Foto­gra­fie hin­aus­geht.

Checkliste für Creative Professionals

  • Nut­zungs­be­din­gun­gen prü­fen: Stel­len Sie sicher, dass Ihre AGBs und Nut­zungs­be­din­gun­gen klar und maschi­nen­les­bar Scra­ping-Ver­bo­te ent­hal­ten.
  • Was­ser­zei­chen und Meta­da­ten: Nut­zen Sie tech­ni­sche Schutz­maß­nah­men, um Ihre Wer­ke zu kenn­zeich­nen.
  • Lizenz­ver­ga­be über­den­ken: Erwä­gen Sie modu­la­re Lizenz­mo­del­le, die auch KI-Nut­zung ein­schlie­ßen.
  • Recht­li­chen Bei­stand suchen: Bei kon­kre­ten Ver­let­zungs­fra­gen soll­ten Sie früh­zei­tig anwalt­li­chen Rat ein­ho­len.
  • Selbst­or­ga­ni­sie­ren: Ver­net­zen Sie sich mit ande­ren Krea­ti­ven — gemein­sa­me Inter­es­sen­ver­tre­tung wirkt stär­ker.

Fazit

Der BGH-Streit um Knesch­ke vs. LAION ist mehr als ein ein­zel­ner Fall — er könn­te die Zukunft der KI-Bran­che prä­gen. — er ist ein Schlüs­sel­fall für die Zukunft der Krea­tiv­wirt­schaft im Zeit­al­ter der KI. Die Ent­schei­dung wird bestim­men, ob Künst­ler und Foto­gra­fen wei­ter­hin Kon­trol­le über ihre Wer­ke behal­ten oder ob die­se zur kos­ten­lo­sen Roh­stoff­ba­sis für eine boo­men­de Tech­no­lo­gie­in­dus­trie wer­den.

Für Unter­neh­men bedeu­tet das: Jetzt ist die Zeit, sich mit den urhe­ber­recht­li­chen Impli­ka­tio­nen von KI-Trai­ning aus­ein­an­der­zu­set­zen — bevor das Urteil fällt und neue Regeln gel­ten.


Quel­len:
- FAZ (03.09.2026): KI-Trai­ning und Urhe­ber­recht: BGH ver­han­delt erst­mals
- heise.de: Knesch­ke vs. LAION – Land­mark Ruling on TDM
- EUIPO: Ger­ma­ny – Ham­burg Dis­trict Court, 310 O.22723

Hin­weis: Die­ser Arti­kel stellt kei­ne Rechts­be­ra­tung dar. Für kon­kre­te recht­li­che Fra­gen wen­den Sie sich bit­te an einen Rechts­an­walt oder Ihren Betriebs­rechts­be­ra­ter.