EU AI Act ab August 2026: Was Betriebe jetzt tun müssen

Seit dem 2. August 2026 gilt der EU AI Act voll­stän­dig – und damit neue Pflich­ten für alle Unter­neh­men, die KI-Sys­te­me ein­set­zen. Beson­ders betrof­fen: Der Per­so­nal­be­reich. KI-Tools zur Lebens­lauf­ana­ly­se, Bewer­ber­aus­wahl und Leis­tungs­be­wer­tung sind nun als Hoch­ri­si­ko-KI ein­ge­stuft. Unter­neh­men, die die­se Sys­te­me ein­set­zen, müs­sen ab sofort Com­pli­ance-Pflich­ten erfül­len – oder ris­kie­ren Buß­gel­der von bis zu 15 Mil­lio­nen Euro.

Der Stichtag 2. August 2026

Der AI Act trat am 1. August 2024 in Kraft, doch die meis­ten Pflich­ten gel­ten erst seit 2. August 2026. An die­sem Tag wur­den die Hoch­ri­si­ko-Rege­lun­gen für KI-Sys­te­me im Per­so­nal­we­sen wirk­sam. Wer danach KI-Tools im Recrui­ting oder für Mit­ar­bei­ter­be­wer­tun­gen ein­setzt, muss sicher­stel­len, dass die­se den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen. Für bereits bestehen­de Sys­te­me gilt eine Über­gangs­frist bis 2. August 2027.

Was gilt als Hochrisiko-KI im Personalbereich?

Der EU AI Act lis­tet in Anhang III expli­zit KI-Sys­te­me auf, die als hoch­ris­kant gel­ten. Dazu gehö­ren:

  • KI zur Sich­tung und Fil­te­rung von Bewer­bun­gen
  • Algo­rith­men zur Bewer­ber­be­wer­tung und ‑ran­king
  • Auto­ma­ti­sier­te Inter­view-Aus­wer­tungs­platt­for­men
  • KI-gestütz­te Leis­tungs­be­ur­tei­lun­gen
  • Tools zur Vor­her­sa­ge von Kün­di­gun­gen oder Beför­de­run­gen

Ent­schei­dend ist nicht, ob das Sys­tem als rei­ne Ent­schei­dungs­un­ter­stüt­zung ver­mark­tet wird. Maß­geb­lich ist, ob es wesent­li­che Beschäf­ti­gungs­ent­schei­dun­gen beein­flusst.

Die Pflichten im Überblick

Für Arbeit­ge­ber und Anbie­ter von KI-Sys­te­men erge­ben sich aus dem AI Act meh­re­re Pflich­ten:

Technische Dokumentation

Jedes Hoch­ri­si­ko-KI-Sys­tem muss tech­nisch doku­men­tiert sein. Das umfasst den Auf­bau des Sys­tems, die ver­wen­de­ten Daten, die Leis­tungs­merk­ma­le und die risi­ko­be­haf­te­ten Ent­schei­dun­gen. Die Doku­men­ta­ti­on muss jeder­zeit der Auf­sichts­be­hör­de vor­ge­legt wer­den kön­nen.

Menschliche Aufsicht

KI-Sys­te­me dür­fen kei­ne auto­ma­ti­sier­ten Ent­schei­dun­gen tref­fen, ohne dass ein Mensch die Ergeb­nis­se über­prüft. Bei abge­lehn­ten Bewer­bun­gen muss ein qua­li­fi­zier­ter Mit­ar­bei­ter die Ent­schei­dung tat­säch­lich prü­fen kön­nen – nicht nur for­mal.

Transparenzpflichten nach Artikel 50

Ab dem 2. August 2026 gel­ten die Trans­pa­renz­pflich­ten des Arti­kel 50 EU AI Act. Per­so­nen, die mit einem KI-Sys­tem inter­agie­ren, müs­sen infor­miert wer­den, dass sie mit einer Maschi­ne kom­mu­ni­zie­ren. Das gilt für Chat­bots in der Bewer­ber­an­spra­che eben­so wie für KI-Sys­te­me, die Emo­tio­nen erken­nen oder bio­me­tri­sche Daten ana­ly­sie­ren.

Bias-Tests und Grundrechte-Folgenabschätzung

Betrei­ber von Hoch­ri­si­ko-KI müs­sen regel­mä­ßig Tests auf Dis­kri­mi­nie­rung durch­füh­ren. Dabei wird geprüft, ob das Sys­tem bestimm­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen benach­tei­ligt – etwa auf­grund von Geschlecht, Alter oder eth­ni­scher Her­kunft. Für KI-Sys­te­me im Beschäf­ti­gungs­be­reich ist zudem eine Grund­rech­te-Fol­gen­ab­schät­zung vor­ge­schrie­ben.

Registrierung in der EU-Datenbank

Hoch­ri­si­ko-KI-Sys­te­me müs­sen in einem euro­päi­schen Regis­ter ein­ge­tra­gen wer­den. Das gilt sowohl für Anbie­ter als auch für Betrei­ber der Sys­te­me.

Bußgelder: Bis zu 15 Millionen Euro oder 3 Prozent des Umsatzes

Arti­kel 99 des AI Act sieht drei Stu­fen von Geld­bu­ßen vor:

  • Schwer­wie­gen­de Ver­stö­ße (z.B. Ein­satz ver­bo­te­ner KI): Bis zu 35 Mil­lio­nen Euro oder 7 Pro­zent des welt­wei­ten Jah­res­um­sat­zes
  • Hoch­ri­si­ko-Ver­stö­ße (z.B. feh­len­de Doku­men­ta­ti­on, kei­ne mensch­li­che Auf­sicht): Bis zu 15 Mil­lio­nen Euro oder 3 Pro­zent des welt­wei­ten Jah­res­um­sat­zes
  • For­ma­le Ver­stö­ße (z.B. fal­sche Aus­künf­te): Bis zu 7,5 Mil­lio­nen Euro oder 1 Pro­zent des welt­wei­ten Jah­res­um­sat­zes

Bei Mit­tel­ständ­lern mit 30 Mil­lio­nen Euro Umsatz kann ein sin­gle Vio­la­ti­on gegen Hoch­ri­si­ko-Pflich­ten rea­lis­tisch 30.000 bis 200.000 Euro Buß­geld bedeu­ten – bei Erst­ver­stoß und Koope­ra­ti­on. Bei sys­te­mi­schen Ver­stö­ßen oder Wie­der­ho­lun­gen ist deut­lich mehr mög­lich.

Der Betriebsrat hat Mitspracherecht

Par­al­lel zum AI Act gel­ten im deut­schen Recht die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Betriebs­rats. Nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG hat der Betriebs­rat zwin­gen­des Mit­be­stim­mungs­recht bei der Ein­füh­rung von tech­ni­schen Über­wa­chungs­ein­rich­tun­gen. Das gilt auch für KI-Recrui­ting-Tools.

Ohne Betriebs­ver­ein­ba­rung kann der Betriebs­rat den Ein­satz eines KI-Sys­tems durch das Arbeits­ge­richt blo­ckie­ren las­sen. Die Grund­rech­te-Fol­gen­ab­schät­zung nach dem AI Act lässt sich gut mit der Betriebs­rats­kon­sul­ta­ti­on ver­bin­den – bei­des par­al­lel zu füh­ren ist effi­zi­ent und schafft die Doku­men­ta­ti­on, die bei­de Regel­wer­ke ver­lan­gen.

Was Arbeitgeber jetzt tun sollten

Ein prak­ti­scher Maß­nah­men­ka­ta­log für Unter­neh­men:

  1. HR-Tech-Inven­tur: Alle Tools mit KI-gestütz­ter Sich­tung, Bewer­tung oder Ent­schei­dungs­un­ter­stüt­zung erfas­sen
  2. Klas­si­fi­ka­ti­on prü­fen: Fällt das Tool unter Anhang III des AI Act?
  3. Ven­dors Due Dili­gence: CE-Kenn­zeich­nung und tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on vom Anbie­ter anfor­dern
  4. Mensch­li­che Auf­sicht sicher­stel­len: Qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter für Über­prü­fun­gen aus­wei­sen
  5. Betriebs­rat ein­be­zie­hen: Früh­zei­tig über geplan­te KI-Ein­füh­run­gen infor­mie­ren
  6. Schu­lun­gen doku­men­tie­ren: Arti­kel 4 AI Act ver­pflich­tet zur Kom­pe­tenz-Schu­lung der Bedie­ner

Fazit

Der EU AI Act ver­än­dert den Markt für KI im Per­so­nal­we­sen fun­da­men­tal. Unter­neh­men, die jetzt han­deln, mini­mie­ren nicht nur das Buß­geld-Risi­ko – sie schaf­fen auch Ver­trau­en bei Bewer­bern und Mit­ar­bei­ten­den. Wer sei­nen Betriebs­rat früh­zei­tig ein­bin­det und Trans­pa­renz schafft, han­delt kon­form sowohl nach deut­schem als auch euro­päi­schem Recht.

Quellen

  • EU AI Act (Ver­ord­nung (EU) 2024/1689)
  • Arti­kel 50 EU AI Act: Trans­pa­renz­pflich­ten
  • Anhang III EU AI Act: Hoch­ri­si­ko-KI-Sys­te­me
  • § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG
  • Bit­kom-Leit­fa­den „KI und Mit­be­stim­mung“ (Febru­ar 2026)