EU AI Act in Kraft — Was Betriebe und Betriebsräte jetzt wissen müssen

Am 1. August 2024 ist der EU AI Act (KI-Ver­ord­nung) in Kraft getre­ten. Seit dem 2. August 2026 gel­ten die wich­tigs­ten Vor­schrif­ten — und damit hat sich für deut­sche Unter­neh­men und ihre Betriebs­rä­te eini­ges ver­än­dert.

Das Gesetz regelt, wie künst­li­che Intel­li­genz in der EU ein­ge­setzt wer­den darf. Es unter­schei­det zwi­schen vier Risi­koklas­sen: unan­nehm­ba­rem Risi­ko, hohem Risi­ko, begrenz­tem Risi­ko und kei­nem Risi­ko. Je höher das Risi­ko, des­to stren­ger die Vor­schrif­ten.

Für Betrie­be bedeu­tet das kon­kret: Wer KI-Sys­te­me ein­setzt, muss fort­an trans­par­te­re und siche­re­re Tech­no­lo­gien nut­zen — und Betriebs­rä­te haben bei der Ein­füh­rung neu­er KI-Tools Mit­spra­che­rech­te.


Die vier Risikoklassen im Überblick

1. Unannehmbares Risiko — verboten

KI-Sys­te­me, die als gesell­schaft­lich gefähr­lich ein­ge­stuft wer­den, sind ver­bo­ten. Dazu gehö­ren:

  • Social Scoring durch Regie­run­gen
  • Pre­dic­ti­ve Poli­cing zur Vor­her­sa­ge von Straf­ta­ten
  • Mani­pu­la­ti­ve KI, die Men­schen unter Druck set­zen kann
  • Emo­ti­on Reco­gni­ti­on am Arbeits­platz (mit weni­gen Aus­nah­men)

Pra­xis­bei­spiel: Ein Unter­neh­men woll­te KI ein­set­zen, um die Stim­mung von Beschäf­tig­ten wäh­rend der Arbeit zu ana­ly­sie­ren. Das ver­stoßt gegen das Ver­bot der emo­tio­na­len Über­wa­chung am Arbeits­platz.

2. Hohes Risiko — strenge Pflichten

KI-Sys­te­me mit hohem Risi­ko unter­lie­gen beson­ders stren­gen Auf­la­gen. Dazu gehö­ren:

  • Rekru­tie­rungs­tools (CV-Scree­ning, auto­ma­ti­sier­te Bewer­bun­gen)
  • Per­so­nal­ent­schei­dun­gen (Beför­de­run­gen, Kün­di­gun­gen)
  • Kre­dit­ver­ga­be und Boni­täts­prü­fun­gen
  • Medi­zi­ni­sche Dia­gnos­tik
  • Jus­tiz­we­sen (Risi­ko­ab­schät­zung bei Gerichts­ver­fah­ren)

Pflich­ten für Unter­neh­men:

  • Risi­ko­be­wer­tung vor Ein­füh­rung
  • Doku­men­ta­ti­on aller Ent­schei­dun­gen
  • Mensch­li­che Über­wa­chung
  • Trans­pa­renz­pflich­ten
  • Qua­li­täts­si­che­rung der Daten

3. Begrenztes Risiko — Transparenzplicht

Bei KI-Sys­te­men mit begrenz­tem Risi­ko müs­sen Nut­zer infor­miert wer­den, dass sie mit einer KI inter­agie­ren:

  • Chat­bots und auto­ma­ti­sier­te Assis­ten­ten
  • Deepf­akes und mani­pu­lier­te Inhal­te
  • Emo­ti­on Reco­gni­ti­on (in begrenz­tem Rah­men)

4. Kein Risiko — keine Vorgaben

KI-Sys­te­me ohne nach­weis­ba­res Risi­ko unter­lie­gen kei­nen spe­zi­el­len Vor­schrif­ten:

  • Spam-Fil­ter
  • Emp­feh­lungs­al­go­rith­men (z.B. Net­flix)
  • Simp­le Auto­ma­ti­sie­rungs­tools

Was bedeutet das für Betriebe?

Immediate Pflichten (ab 02.09.2026)

  1. KI-Inven­tar erstel­len — Wel­che KI-Sys­te­me wer­den ein­ge­setzt? In wel­cher Risi­koklas­se fal­len sie? Wer ist ver­ant­wort­lich?
  2. Doku­men­ta­ti­on füh­ren — Tech­ni­sche Spe­zi­fi­ka­tio­nen, Trai­nings­da­ten, Ent­schei­dungs­pro­zes­se, Risi­ko­ana­ly­sen
  3. Trans­pa­renz sicher­stel­len — Nut­zer müs­sen über KI-Nut­zung infor­miert wer­den, beson­ders bei Chat­bots und auto­ma­ti­sier­ten Ent­schei­dun­gen
  4. Mensch­li­che Über­wa­chung eta­blie­ren — Bei Hoch­ri­si­ko-KI muss ein Mensch ein­grei­fen kön­nen. Auto­ma­ti­sche Ent­schei­dun­gen dür­fen nicht allei­ni­ger Ent­schei­dungs­grund sein.

Fristen und Übergangsfristen

  • Ab 02.02.2025: Ver­bo­te für unan­nehm­ba­re Risi­ken in Kraft
  • Ab 02.08.2026: Trans­pa­renz­pflich­ten (Art. 50) in Kraft
  • Ab 02.08.2027: Pflich­ten für Hoch­ri­si­ko-KI (ver­scho­ben)

Die Rolle des Betriebsrats

Der Betriebs­rat hat beim Ein­satz von KI-Sys­te­men meh­re­re Mit­spra­che­rech­te:

§ 80 Abs. 1 BetrVG — Informationsrecht

Der Betriebs­rat muss über alle geplan­ten Ände­run­gen infor­miert wer­den, die den Ein­satz von KI betref­fen. Dazu gehö­ren:

  • Neue KI-Sys­te­me in der Per­so­nal­ver­wal­tung
  • Auto­ma­ti­sier­te Ent­schei­dungs­pro­zes­se
  • Über­wa­chungs­sys­te­me mit KI-Funk­tio­nen

§ 87 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG — Ordnungsregeln

Bei der Ein­füh­rung von KI-Sys­te­men, die das Ver­hal­ten der Beschäf­tig­ten über­wa­chen oder bewer­ten, hat der Betriebs­rat ein zwin­gen­des Mit­be­stim­mungs­recht.

Bei­spiel: Ein Unter­neh­men plant, KI zur Über­wa­chung der Pro­duk­ti­vi­tät ein­zu­set­zen. Der Betriebs­rat kann mit­be­stim­men, wie die­se Über­wa­chung gestal­tet wird.

§ 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG — Arbeitsschutz

Wenn KI-Sys­te­me gesund­heit­li­che Risi­ken ber­gen (z.B. durch psy­chi­sche Belas­tung durch Über­wa­chung), greift das Mit­be­stim­mungs­recht beim Arbeits- und Gesund­heits­schutz.

DSGVO und KI

Die Daten­schutz-Grund­ver­ord­nung (DSGVO) gilt wei­ter­hin par­al­lel zum AI Act. Beson­ders rele­vant:

  • Auto­ma­ti­sier­te Ein­zel­ent­schei­dun­gen (Art. 22 DSGVO)
  • Recht auf Erklä­rung auto­ma­ti­sier­ter Ent­schei­dun­gen
  • Daten­spar­sam­keit bei Trai­nings­da­ten

Praxis-Tipps für Betriebe

  1. KI-Audit durch­füh­ren — Erstel­len Sie ein Ver­zeich­nis aller ein­ge­setz­ten KI-Sys­te­me
  2. Betriebs­rat früh­zei­tig ein­be­zie­hen — Infor­mie­ren Sie den Betriebs­rat über geplan­te KI-Ein­füh­run­gen
  3. Doku­men­ta­ti­on ver­bes­sern — Füh­ren Sie eine Doku­men­ta­ti­on aller KI-Sys­te­me
  4. Schu­lun­gen anbie­ten — Schu­len Sie Beschäf­tig­te im Umgang mit KI-Sys­te­men

Fazit: Chance und Herausforderung

Der EU AI Act ist kein rein tech­ni­sches Gesetz — er hat erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Arbeits­welt. Für Betrie­be bedeu­tet er mehr Trans­pa­renz und Ver­ant­wor­tung. Für Betriebs­rä­te bie­tet er neue Mit­spra­che­mög­lich­kei­ten bei der Gestal­tung von KI-Sys­te­men.

Wer jetzt han­delt, kann nicht nur gesetz­li­che Pflich­ten erfül­len, son­dern auch das Ver­trau­en der Beschäf­tig­ten stär­ken — durch trans­pa­ren­te und fai­re KI-Nut­zung.


Die­ser Arti­kel dient der all­ge­mei­nen Infor­ma­ti­on und ersetzt kei­ne indi­vi­du­el­le Rechts­be­ra­tung. Bei kon­kre­ten Fra­gen zum EU AI Act und Ihrem Betrieb wen­den Sie sich bit­te an eine Betriebs­rats­be­ra­tung oder Gewerk­schaft.