New Work im New Normal: Chancen und Gestaltung moderner Arbeitswelten zwischen Homeoffice und Büro

New Work im New Normal: Chancen und Gestaltung moderner Arbeitswelten zwischen Homeoffice und Büro

Die Arbeits­welt hat in den letz­ten Jah­ren eine fun­da­men­ta­le Trans­for­ma­ti­on durch­lau­fen. Was als pan­de­mie­be­ding­te Not­lö­sung begann, hat sich unter dem Begriff „New Nor­mal“ als dau­er­haf­ter Stan­dard eta­bliert: die Koexis­tenz von Prä­senz­ar­beit und Home­of­fice. Die­se neue Rea­li­tät stellt Unter­neh­men und ins­be­son­de­re Betriebs­rä­te vor kom­ple­xe Her­aus­for­de­run­gen. Es geht nicht mehr nur um die tech­ni­sche Ermög­li­chung von Remo­te Work, son­dern um die stra­te­gi­sche Gestal­tung einer hybri­den Arbeits­welt, die Fle­xi­bi­li­tät, Pro­duk­ti­vi­tät und Gesund­heit der Beschäf­tig­ten glei­cher­ma­ßen berück­sich­tigt. In die­sem Span­nungs­feld zwi­schen New Work-Idea­len und ope­ra­ti­ver Not­wen­dig­keit stellt sich die zen­tra­le Fra­ge: Wie las­sen sich moder­ne Arbeits­wel­ten so gestal­ten, dass sie sowohl den unter­neh­me­ri­schen Erfolg sichern als auch die Bedürf­nis­se der Beleg­schaft nach­hal­tig erfül­len? Die Gestal­tung die­ser Trans­for­ma­ti­on erfor­dert eine fun­dier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen, ergo­no­mi­schen Stan­dards und neu­en For­men der Zusam­men­ar­beit.

Begriffsbestimmung: New Work im New Normal

Um die aktu­el­le Ent­wick­lung der Betriebs­pra­xis ein­zu­ord­nen, ist eine prä­zi­se Abgren­zung der Begriff­lich­kei­ten not­wen­dig. New Work beschreibt im Kern ein Kon­zept, das die Frei­heit, Selbst­stän­dig­keit und Teil­ha­be an der Gemein­schaft in den Mit­tel­punkt rückt. In der heu­ti­gen Umset­zung wird der Begriff oft syn­onym mit Arbeit 4.0 ver­wen­det, die durch Digi­ta­li­sie­rung, Ver­net­zung und Fle­xi­bi­li­tät geprägt ist.

Das New Nor­mal mar­kiert dabei den Zustand nach dem Umbruch: Es ist die Akzep­tanz, dass es kein voll­stän­di­ges Zurück in die star­ren Prä­senz­struk­tu­ren der Vor-Coro­na-Zeit geben wird. In die­sem Kon­text haben sich hybri­de Arbeits­mo­del­le eta­bliert, bei denen die Tätig­keit fle­xi­bel zwi­schen dem Betriebs­sitz und dem häus­li­chen Arbeits­platz auf­ge­teilt wird. Laut der Stu­die Remo­te Work im «New Nor­mal»? zeigt sich, dass die­se Ent­wick­lung neue Anfor­de­run­gen an die Agi­li­tät von Orga­ni­sa­tio­nen stellt.

Wäh­rend mobi­les Arbei­ten recht­lich oft einen wei­te­ren Spiel­raum lässt, unter­liegt das sta­tio­nä­re Home­of­fice (Tele­ar­beit) stren­ge­ren Anfor­de­run­gen der Arbeits­stät­ten­ver­ord­nung (Arb­StättV). Für die betrieb­li­che Pra­xis bedeu­tet dies, dass New Work kein blo­ßes Schlag­wort ist, son­dern eine struk­tu­rel­le Anpas­sung der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on erfor­dert, die über das Bereit­stel­len von Lap­tops hin­aus­geht.

Gestaltung moderner Arbeitswelten: Das Büro als Begegnungsort

Mit der Zunah­me von Remo­te-Antei­len wan­delt sich die Funk­ti­on des phy­si­schen Büros grund­le­gend. Es ver­liert sei­ne Rol­le als rei­ner Ort der Ein­zel­sach­be­ar­bei­tung und ent­wi­ckelt sich zum Begeg­nungs­ort und Zen­trum für krea­ti­ve Zusam­men­ar­beit. Wenn die Beleg­schaft für fokus­sier­tes Arbei­ten das Home­of­fice nutzt, muss das Büro Mehr­wer­te bie­ten, die digi­tal nicht abbild­bar sind.

Zen­tra­les Ele­ment moder­ner Raum­kon­zep­te ist das Desk­s­ha­ring. Hier­bei ste­hen nicht mehr für jeden Mit­ar­bei­ter fest zuge­wie­se­ne Schreib­ti­sche zur Ver­fü­gung, was die Flä­chen­ef­fi­zi­enz erhöht. Damit die­ses Modell akzep­tiert wird, müs­sen jedoch alter­na­ti­ve Zonen geschaf­fen wer­den:

  • Kol­la­bo­ra­ti­ons­flä­chen: Offe­ne Berei­che für agi­les Pro­jekt­ma­nage­ment und Team­be­spre­chun­gen.
  • Fokus­zo­nen: Schall­iso­lier­te Rück­zugs­or­te für kon­zen­trier­tes Arbei­ten oder ver­trau­li­che Tele­fo­na­te.
  • Social Hubs: Cafe­te­ria-ähn­li­che Berei­che, die den infor­mel­len Aus­tausch för­dern.

Ein ent­schei­den­der Fak­tor für die Akzep­tanz und die Gesund­heit der Beschäf­tig­ten ist die Innen­raum­qua­li­tät. Wie das Fraun­ho­fer IBP dar­legt, beein­flus­sen Fak­to­ren wie Akus­tik, Beleuch­tung und Luft­qua­li­tät unmit­tel­bar die Leis­tungs­fä­hig­keit. Ein man­gel­haft umge­setz­tes Groß­raum­kon­zept führt häu­fig zu psy­chi­schen Belas­tun­gen durch Lärm und stän­di­ge Unter­bre­chun­gen.

Der Betriebs­rat hat hier­bei gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG ein wich­ti­ges Mit­be­stim­mungs­recht beim Arbeits- und Gesund­heits­schutz. Die Gestal­tung der Arbeits­um­ge­bung ist somit nicht allei­ni­ge Ent­schei­dung der Geschäfts­füh­rung, son­dern ein par­ti­zi­pa­ti­ver Pro­zess. Ziel muss es sein, eine Arbeits­um­ge­bung zu schaf­fen, wel­che die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Unter­neh­men stärkt und die sozia­le Iso­la­ti­on, die im rei­nen Home­of­fice dro­hen kann, aktiv ent­ge­gen­wirkt. Die­se phy­si­sche Trans­for­ma­ti­on ist jedoch nur dann erfolg­reich, wenn sie durch eine ent­spre­chen­de Mit­be­stim­mung und Kul­tur­ver­än­de­rung beglei­tet wird.

Die Rolle der Mitbestimmung bei der Transformation

Die Ein­füh­rung von New Work-Kon­zep­ten ist kein ein­sei­ti­ges Vor­recht des Arbeit­ge­bers, son­dern unter­liegt in wei­ten Tei­len der zwin­gen­den Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats. Der Gesetz­ge­ber hat mit dem Betriebs­rä­te­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz reagiert und in § 87 Abs. 1 Nr. 14 BetrVG ein spe­zi­fi­sches Mit­be­stim­mungs­recht bei der Aus­ge­stal­tung von mobi­ler Arbeit geschaf­fen. Die­ses umfasst zwar nicht das „Ob“, wohl aber das „Wie“ – also die kon­kre­ten Bedin­gun­gen, unter denen Beschäf­tig­te außer­halb der Betriebs­stät­te tätig sind.

Ein zen­tra­les Hand­lungs­feld für die Arbeit­neh­mer­ver­tre­tung ist der Arbeits- und Gesund­heits­schutz. Gemäß § 5 ArbSchG ist der Arbeit­ge­ber ver­pflich­tet, eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung durch­zu­füh­ren, die im New Nor­mal ins­be­son­de­re psy­chi­sche Belas­tun­gen durch Ent­gren­zung und sozia­le Iso­la­ti­on berück­sich­ti­gen muss. In der betrieb­li­chen Pra­xis hat sich der Abschluss von Betriebs­ver­ein­ba­run­gen zum Home­of­fice bewährt. Sol­che Ver­ein­ba­run­gen soll­ten kla­re Rege­lun­gen zu fol­gen­den Punk­ten ent­hal­ten:

  • Erreich­bar­keit: Fest­le­gung von Zeit­fens­tern, um eine stän­di­ge Ver­füg­bar­keit zu ver­mei­den.
  • Arbeits­zeit­er­fas­sung: Sicher­stel­lung der Ein­hal­tung des Arbeits­zeit­ge­set­zes (ArbZG), ins­be­son­de­re nach dem weg­wei­sen­den Beschluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 13. Sep­tem­ber 2022 (Az. 1 ABR 22/21) zur Pflicht der sys­te­ma­ti­schen Zeit­er­fas­sung.
  • Kos­ten­tra­gung: Rege­lun­gen zur Aus­stat­tung des häus­li­chen Arbeits­plat­zes mit ergo­no­mi­schem Mobi­li­ar und IT-Hard­ware.
  • Daten­schutz: Ein­hal­tung der Vor­ga­ben der DSGVO und des BDSG, ins­be­son­de­re bei der Nut­zung pri­va­ter End­ge­rä­te (Bring Your Own Device).

Der Betriebs­rat fun­giert hier­bei als Gestal­ter, der sicher­stellt, dass die gewon­ne­ne Fle­xi­bi­li­tät nicht zu einer fak­ti­schen Mehr­ar­beit oder einer Gefähr­dung der psy­chi­schen Gesund­heit führt.

Führung und Unternehmenskultur in der hybriden Welt

Der Erfolg von New Work hängt nur bedingt von der Tech­nik ab; ent­schei­dend ist ein tief­grei­fen­der Kul­tur­wan­del inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on. In einer hybri­den Arbeits­welt, in der sich Teams nicht mehr täg­lich phy­sisch begeg­nen, stößt das tra­di­tio­nel­le Prin­zip „Prä­senz gleich Leis­tung“ an sei­ne Gren­zen. An sei­ne Stel­le muss eine ver­trau­ens­ba­sier­te Füh­rungs­kul­tur tre­ten.

Füh­rungs­kräf­te ste­hen vor der Her­aus­for­de­rung, Manage­ment by Objec­ti­ves (Füh­ren durch Ziel­ver­ein­ba­run­gen) zu prak­ti­zie­ren, statt Pro­zes­se klein­tei­lig zu kon­trol­lie­ren. Dies erfor­dert eine Abkehr von hier­ar­chi­schen Kon­troll­me­cha­nis­men hin zu einer Rol­le als Coach und Befä­hi­ger. Zen­tra­le Aspek­te sind hier­bei:

  1. Digi­ta­le Kol­la­bo­ra­ti­on: Die Ein­füh­rung von Tools wie Micro­soft Teams oder Slack ist mehr als eine IT-Maß­nah­me. Es bedarf kla­rer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln (Neti­quet­te), um Infor­ma­ti­ons­asym­me­trien zwi­schen Büro und Home­of­fice zu ver­hin­dern.
  2. Psy­cho­lo­gi­sche Sicher­heit: Füh­rungs­kräf­te müs­sen aktiv Räu­me für infor­mel­len Aus­tausch schaf­fen, um den sozia­len Zusam­men­halt zu stär­ken.
  3. Ver­trau­ens­ar­beits­zeit: Wäh­rend die Zeit­er­fas­sung recht­lich ver­pflich­tend bleibt, soll­te die zeit­li­che Sou­ve­rä­ni­tät der Beschäf­tig­ten im Vor­der­grund ste­hen.

Die­ser Chan­ge Manage­ment-Pro­zess kann nur gelin­gen, wenn die Füh­rungs­ebe­ne das neue Leit­bild vor­lebt. Eine ein­sei­ti­ge For­de­rung nach Fle­xi­bi­li­tät gegen­über der Beleg­schaft, wäh­rend die Füh­rung an star­ren Prä­senz­pflich­ten fest­hält, führt zwangs­läu­fig zu einem Glaub­wür­dig­keits­ver­lust und gefähr­det die Akzep­tanz der neu­en Arbeits­mo­del­le.

Chancen und Risiken: Eine analytische Bilanz

Die Eta­blie­rung moder­ner Arbeits­wel­ten im New Nor­mal bie­tet erheb­li­che Poten­zia­le, birgt jedoch auch spe­zi­fi­sche Risi­ken, die im Rah­men einer betrieb­li­chen Gesamt­stra­te­gie abge­wo­gen wer­den müs­sen.

Chan­cen:

  • Employ­er Bran­ding: Die Mög­lich­keit zu hybri­der Arbeit ist heu­te ein ent­schei­den­der Fak­tor im Wett­be­werb um Fach­kräf­te (War for Talents). Unter­neh­men, die Fle­xi­bi­li­tät bie­ten, stei­gern ihre Attrak­ti­vi­tät als Arbeit­ge­ber mas­siv.
  • Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung: Stu­di­en zei­gen, dass kon­zen­trier­tes Arbei­ten in Fokus­zo­nen oder im Home­of­fice oft effi­zi­en­ter ist als in unru­hi­gen Groß­raum­bü­ros.
  • Work-Life-Blen­ding: Eine bes­se­re Ver­ein­bar­keit von Beruf und Pri­vat­le­ben erhöht die Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit und redu­ziert Fehl­zei­ten.

Risi­ken:

  • Infor­mel­ler Infor­ma­ti­ons­ver­lust: Der spon­ta­ne Aus­tausch am „Was­ser­spen­der“, der oft Keim­zel­le für Inno­va­tio­nen ist, droht zu ver­sie­gen.
  • Sozia­le Iso­la­ti­on: Ins­be­son­de­re für neue Mit­ar­bei­ter wird die Onboar­ding-Pha­se erschwert, was die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Unter­neh­men (Cor­po­ra­te Iden­ti­ty) schwä­chen kann.
  • Prä­senz-Bias: Es besteht das Risi­ko einer unbe­wuss­ten Benach­tei­li­gung von Remo­te-Beschäf­tig­ten bei Beför­de­run­gen oder der Auf­ga­ben­ver­tei­lung gegen­über den­je­ni­gen, die im Büro phy­sisch sicht­bar sind.

Eine aus­ge­wo­ge­ne Stra­te­gie setzt daher nicht auf ein „Ent­we­der-oder“, son­dern auf eine geziel­te Ver­zah­nung. Das Büro muss als Ort der Iden­ti­fi­ka­ti­on und Koope­ra­ti­on gestärkt wer­den, wäh­rend das Home­of­fice als Ort für kon­zen­trier­tes, auto­no­mes Arbei­ten dient. Ziel ist eine Arbeits­um­ge­bung, die dem Indi­vi­du­um maxi­ma­le Frei­heit lässt, ohne den kol­lek­ti­ven Erfolg und den sozia­len Zusam­men­halt aus den Augen zu ver­lie­ren. Die­se Balan­ce bil­det die Brü­cke für eine nach­hal­ti­ge und zukunfts­fä­hi­ge Gestal­tung des New Nor­mal.

Fazit

Die Eta­blie­rung von New Work im New Nor­mal mar­kiert kei­nen abge­schlos­se­nen Zustand, son­dern einen kon­ti­nu­ier­li­chen betrieb­li­chen Gestal­tungs­pro­zess. Die Trans­for­ma­ti­on der Arbeits­welt hat ver­deut­licht, dass die blo­ße tech­ni­sche Bereit­stel­lung von Home­of­fice-Lösun­gen nicht aus­reicht, um lang­fris­tig erfolg­reich zu sein. Viel­mehr bedarf es einer ganz­heit­li­chen Stra­te­gie, die phy­si­sche Büro­kon­zep­te, digi­ta­le Kol­la­bo­ra­ti­on und eine moder­ne Füh­rungs­kul­tur mit­ein­an­der ver­zahnt.

Für die Zukunfts­fä­hig­keit von Unter­neh­men ist es ent­schei­dend, das Büro als sozia­len Anker­punkt und Ort der Inno­va­ti­on neu zu defi­nie­ren, wäh­rend gleich­zei­tig die gewon­ne­ne Fle­xi­bi­li­tät der Beschäf­tig­ten gewahrt bleibt. Der Betriebs­rat nimmt hier­bei eine Schlüs­sel­rol­le ein: Durch die pro­ak­ti­ve Nut­zung von Mit­be­stim­mungs­rech­ten – etwa bei der Aus­ge­stal­tung von Betriebs­ver­ein­ba­run­gen oder der Durch­füh­rung psy­chi­scher Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen (§ 5 ArbSchG) – stellt er sicher, dass moder­ne Arbeits­for­men nicht zu einer Ent­gren­zung der Arbeit füh­ren, son­dern die Gesund­heit und Zufrie­den­heit der Beleg­schaft för­dern.

Letzt­lich erfor­dert das „New Nor­mal“ einen engen Schul­ter­schluss zwi­schen Arbeit­ge­bern, Füh­rungs­kräf­ten und Arbeit­neh­mer­ver­tre­tun­gen. Nur durch einen trans­pa­ren­ten Dia­log und die Bereit­schaft zum kul­tu­rel­len Wan­del las­sen sich die Poten­zia­le von New Work aus­schöp­fen und eine Arbeits­welt schaf­fen, die sowohl pro­duk­tiv als auch mensch­lich ist.

Weiterführende Quellen