Der Traditions-Modehändler Peek & Cloppenburg (Düsseldorf) steht erneut vor einer Zerreißprobe. Nachdem das Unternehmen erst kürzlich ein Schutzschirmverfahren zur Sanierung durchlaufen hat, verdichten sich nun die Anzeichen für eine tiefe strukturelle Krise. Die Entscheidung der Geschäftsführung unter CEO Constanze Freienstein, zentrale Betriebsvereinbarungen aufzukündigen, hat massive Unruhe in die Belegschaft gebracht und lässt einen weitreichenden Stellenabbau befürchten. Für die Betriebsräte stellt sich die Situation als hochkomplex dar: Mit dem Wegfall bewährter Vereinbarungen geraten etablierte arbeitsrechtliche Standards und soziale Sicherheiten ins Wanken. Dieser Artikel analysiert die Hintergründe der aktuellen Entwicklung und beleuchtet die strategischen Herausforderungen für die Arbeitnehmervertretung. Es gilt zu klären, ob die Kündigung der Vereinbarungen lediglich ein Vorbote für drastische Personaleinsparungen ist und wie die Interessen der Beschäftigten in diesem schwierigen Marktumfeld effektiv gewahrt werden können.
Die aktuelle Lage: Kündigung von Betriebsvereinbarungen bei P&C
Die jüngsten Schritte der P&C‑Führung markieren eine deutliche Verschärfung des Sparkurses. Wie das Manager Magazin berichtet, hat Constanze Freienstein zentrale Vereinbarungen mit den Arbeitnehmervertretern aufgekündigt. Davon betroffen sind nach ersten Informationen Regelungen, die über das gesetzliche Mindestmaß hinausgehende Leistungen oder Flexibilitätsgarantien für die Mitarbeiter festschrieben.
In der Betriebsratsarbeit wird ein solcher Schritt meist als Vorbereitung auf eine tiefgreifende Restrukturierung gewertet. Durch die Kündigung der Vereinbarungen versucht die Geschäftsführung, den Handlungsspielraum für künftige Maßnahmen zu vergrößern und Kostenstrukturen kurzfristig zu senken. Rechtlich greift hierbei die Nachwirkung gemäß § 77 Abs. 6 BetrVG, sofern es sich um erzwingbare Angelegenheiten handelt. Dennoch erzeugt die Aufkündigung ein Klima der Unsicherheit. Das Signal an die Belegschaft ist eindeutig: Die Phase der Konsolidierung ist nicht abgeschlossen, und die bisherigen sozialen Standards stehen zur Disposition. Die Kernfrage für die kommenden Verhandlungen wird sein, ob ein neuer Interessenausgleich und Sozialplan die drohenden Härten für die Beschäftigten abmildern kann.
Der Strukturwandel im Modehandel: Ein Branchenvergleich
Die Krise von Peek & Cloppenburg ist kein isoliertes Phänomen, sondern Ausdruck eines fundamentalen Strukturwandels im europäischen Textileinzelhandel. Während Traditionsunternehmen mit großen Verkaufsflächen und hohen Fixkosten kämpfen, zeigen Wettbewerber wie die Inditex-Gruppe (u.a. Zara), dass profitables Wachstum trotz Marktunsicherheiten möglich ist. Inditex meldete zuletzt stabile Halbjahresergebnisse, was primär auf eine hochgradig flexible Logistik und eine tiefgreifende Verzahnung von Online- und Stationärhandel zurückzuführen ist.
Im Gegensatz dazu stehen deutsche Modeketten unter massivem Druck. Ein prominentes Beispiel ist der Modekonzern Esprit, der kürzlich die Schließung aller Filialen in Deutschland verkünden musste. Parallelen zu P&C lassen sich insbesondere in der zu langsamen Anpassung an das veränderte Konsumverhalten ziehen. Der Online-Handel hat die Preissensibilität erhöht, während die Reallohnverluste der vergangenen Jahre die Kauflaune im mittleren Preissegment dämpfen.
Für P&C erweist sich die Abhängigkeit von stationären Großflächen in Innenstadtlagen zunehmend als Risiko. Die Kosten für Mieten und Personal stehen oft nicht mehr in einem gesunden Verhältnis zum Flächenumsatz. Während spezialisierte Anbieter oder Plattformen ihre Kostenstrukturen agiler steuern können, schleppen Multibrand-Händler wie Peek & Cloppenburg komplexe Verwaltungsapparate mit sich herum, die nun im Fokus der Sanierungsbemühungen stehen. Der aktuelle Konflikt um die Betriebsvereinbarungen ist somit auch eine Folge des Versuchs, das Unternehmen im Wettbewerb mit digital nativen oder vertikal integrierten Playern wieder konkurrenzfähig zu machen.
Drohender Stellenabbau: Rechtliche Rahmenbedingungen und Fallstricke
Die Aufkündigung von Betriebsvereinbarungen (BV) durch die Geschäftsführung von Peek & Cloppenburg schafft eine rechtlich volatile Situation. Für die betroffenen Arbeitnehmer stellt sich primär die Frage der Nachwirkung gemäß § 77 Abs. 6 BetrVG. Hierbei ist entscheidend, ob es sich um erzwingbare oder freiwillige Vereinbarungen handelt. Während erzwingbare Regelungen – etwa zu Arbeitszeitmodellen oder Überstunden – so lange weitergelten, bis sie durch eine neue Vereinbarung ersetzt werden, entfallen freiwillige Leistungen oft ersatzlos, sofern keine einzelvertragliche Bezugnahme besteht.
Sollte die Krise in einen massiven Stellenabbau münden, greifen die Instrumente der Betriebsänderung nach § 111 BetrVG. Die Unternehmensleitung ist in diesem Fall verpflichtet, den Betriebsrat rechtzeitig und umfassend über die geplanten Maßnahmen zu informieren. Kern der Verhandlungen sind der Interessenausgleich, der das „Ob“, „Wann“ und „Wie“ der Restrukturierung regelt, sowie der Sozialplan gemäß § 112 BetrVG, der die wirtschaftlichen Nachteile für die Ausscheidenden abfedern soll.
Ein kritischer Punkt bei betriebsbedingten Kündigungen ist die Sozialauswahl nach § 1 KSchG. Hierbei müssen soziale Kriterien wie Betriebszugehörigkeit, Lebensalter, Unterhaltspflichten und Schwerbehinderung korrekt gewichtet werden. Fehler in der Sozialauswahl machen Kündigungen vor dem Arbeitsgericht angreifbar. Da Peek & Cloppenburg bereits ein Schutzschirmverfahren durchlaufen hat, könnten zudem verkürzte Kündigungsfristen oder gedeckelte Abfindungsansprüche gemäß der Insolvenzordnung (InsO) eine Rolle spielen, falls das Unternehmen erneut in ein förmliches Sanierungsverfahren gerät.
Die Rolle des Betriebsrats in der Restrukturierungsphase
In einer Phase, in der die Geschäftsführung durch die Kündigung von Standards den Druck erhöht, kommt der Arbeitnehmervertretung eine strategische Schlüsselrolle zu. Der Betriebsrat muss hierbei über die reine Defensive hinausgehen. Es gilt, die wirtschaftliche Notwendigkeit der Maßnahmen kritisch zu hinterfragen. Nach § 80 Abs. 3 BetrVG sowie § 111 Satz 2 BetrVG hat das Gremium das Recht, bei geplanten Betriebsänderungen externe Sachverständige hinzuzuziehen, um betriebswirtschaftliche Analysen und alternative Beschäftigungssicherungsmodelle prüfen zu lassen.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass die Krise bei Peek & Cloppenburg kein Einzelfall ist. Wie Beispiele von Wettbewerbern oder Berichte über Stellenstreichungen bei Online-Akteuren verdeutlichen, befindet sich die gesamte Branche in einem Transformationsprozess. Der Betriebsrat muss daher Transparenz fordern: Eine nachhaltige Personalplanung darf nicht nur aus Streichlisten bestehen, sondern muss Konzepte zur Qualifizierung der Belegschaft für den digitalen Wandel enthalten.
Ein zentrales Machtmittel des Betriebsrats ist die Mitbestimmung in sozialen Angelegenheiten nach § 87 BetrVG. Wenn die Geschäftsführung bewährte Vereinbarungen aufkündigt, um einseitig neue Bedingungen zu diktieren, kann der Betriebsrat die Einigungsstelle anrufen. Ziel der Verhandlungsführung sollte es sein, die Verknüpfung von Standorterhalt und fairen Arbeitsbedingungen rechtlich verbindlich zu fixieren, um einen schleichenden Abbau von Standards zu verhindern.
Fazit
Die aktuelle Lage bei Peek & Cloppenburg verdeutlicht die immense Belastungsprobe für das Traditionsunternehmen und seine Beschäftigten. Die Kündigung zentraler Betriebsvereinbarungen signalisiert einen harten Kurs der Geschäftsführung, der über rein operative Einsparungen hinauszugehen scheint. Für die Belegschaft bedeutet dies eine Phase großer Unsicherheit, in der bewährte soziale Sicherungen neu verhandelt werden müssen.
Es zeigt sich deutlich, dass ein Erfolg der Restrukturierung nur dann nachhaltig sein kann, wenn er nicht ausschließlich zu Lasten der Mitarbeiter geht. Ein massiver Stellenabbau ohne zukunftsfähiges Gesamtkonzept birgt das Risiko, wertvolles Know-how zu verlieren und die Marke langfristig zu beschädigen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Arbeitnehmervertretung und die Unternehmensleitung unter Constanze Freienstein zu einem konstruktiven Dialog zurückfinden. Nur durch einen fairen Interessenausgleich und transparente Kommunikation kann das Vertrauen der Mitarbeiter zurückgewonnen und die Arbeitsplatzsicherung an den Standorten gewährleistet werden. Der Erhalt von Peek & Cloppenburg im harten Wettbewerb des Modehandels erfordert eine Strategie, die wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Verantwortung verbindet.
Weiterführende Quellen
-
Peek & Cloppenburg: Mode-Konzern droht Stellenabbau
https://www.manager-magazin.de/unternehmen/handel/peek-cloppenburg-mode-konzern-droht-stellenabbau-betriebsvereinbarungen-gekuendigt-a-678587ae-53ee-4bf6-b1d6-137dd1d5bd5e
Aktuelle Berichterstattung über die Aufkündigung von Arbeitsbedingungen bei P&C Düsseldorf. -
Modekonzern Esprit schließt alle Filialen in Deutschland – FAZ
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/esprit-modekonzern-schliesst-alle-filialen-in-deutschland-19909560.html
Analyse des Niedergangs namhafter Modeketten in Deutschland als Kontext für die P&C‑Krise. -
Inditex trotzt Marktunsicherheiten mit stabilem Halbjahresergebnis
https://retail-news.de/inditex-halbjahr-2025/
Ein Vergleichswert aus der Branche, der zeigt, wie profitables Management im aktuellen Marktumfeld möglich ist.





